3 Vortragsreihe: Drei Auslegungen aus Anlass des Kirchentages 1995

buddha am born oder: gut allein ist schlecht





2 - 15.6.95

psalm 104, 1-35 : die vier aspekte gottes


Ich wünsche einen guten Morgen und möchte Euch und Sie zuerst ein wenig auf den Text einstimmen, der an diesem ersten Kirchentags-Morgen hier und an einer Menge anderer Plätze in Hamburg als eine Art geistiges Frühstück Stärkung, Erleuchtung und Durchblick bringen soll.

Wenn wir diesen Text hören, tun wir in diesem Raum gut daran, ein Stück des Himmels in den Blick zu nehmen, das durch die Fenster zu sehen ist, denn das Licht und die Sonne kommen in dem Text vor. Noch besser wäre es, wenn wir hier heute Morgen in der freien Natur wären, um diesen Text zu hören und dem nachzudenken, was er bedeutet. - Als kleinen Ersatz kann jede und jeder das vielleicht mit seiner Fantasie versuchen, sich an einen Platz zu denken, der weit von allem Großstadt-Lärm entfernt ist, ein Platz in der Natur, der uns gefällt, an den wir uns gern erinnern.

Der Platz, an den ich mich zu versetzen versuche, liegt gleich an die 10.000 km weit weg von hier, und ich denke mich gleichzeitig einige Jahre zurück von heute Morgen; ich denke mich hin nach Thailand, in ein buddhistisches Kloster namens Suan Mokkh, das heißt: Der Garten der Befreiung.

Ich bin ganz früh aufgestanden, wie es in einem Kloster üblich ist - um 4 Uhr. Jetzt ist es sechs Uhr, die Sonne ist gerade aufgegangen, und ich bin zusammen mit etwa 80 anderen Leuten, fast alle kommen wie ich aus dem Westen, noch in der Dunkelheit zwei Kilometer weit gelaufen, hin zu dem Platz, an dem der alte Gründer des Klosters wohnt. Er ist an die 80 alt und er wird uns gleich einen Vortrag, eine Rede, eine Predigt halten. Der alte Mönch, nebenbei einer der größten buddhistischen Gelehrten unserer Zeit, mindestens so gelehrt wie der Dalai Lama, sitzt im Lotussitz auf einer Bank unter einem Baum, neben ihm sitzt ein Hahn, und er beginnt zu reden. Er spricht ohne Konzept, ganz frei.


Liebe Dhamma-Freunde, so beginnt er, - Dhamma bedeutet unter anderem Wahrheit, dies Wort wird uns noch öfter begegnen - unser heutiges Thema ist die Natur oder die Schöpfung, wie die meisten von Ihnen, die in einer christlich geprägten Umgebung aufgewachsen sind, die natürliche Welt auch zu nennen gewohnt sind. Bei diesem Thema möchte mich an ein Gedicht halten, das ich in der Bibel gelesen habe, und das Sie vielleicht kennen. Es ist der 104. Psalm, und es ist ein sehr schönes und poetisches Gedicht - wie geschaffen für eine Morgenstunde wie diese.

Es gibt nur eine Natur, nur eine Schöpfung, nur eine Welt - und nur eine Wahrheit, und es gibt viele Irrtümer und Torheiten, hier in Thailand und bei Ihnen in Deutschland und Amerika. Ich glaube, daß dieser Psalm die Wahrheit ausspricht, wenn man ihn richtig versteht - und der erste Schritt, die Torheit hinter sich zu lassen, kann es sein, etwas ganz neu zu hören.

Das möchte ich Sie bitten zu versuchen. Und um diese Aufgabe des Neu-Hörens zu erleichtern, verwende ich eine neue Übersetzung für den Psalm, die mir ein Freund gebracht hat - und verändere dabei noch einmal zwei Worte durch ein neues. Das Gedicht beginnt dann so:


1 Segne meine Kehle, Dhamma. Dhamma, mein Dhamma, du bist so groß, in Glanz und Hoheit bist du gekleidet.

2 In Licht hüllst du dich wie in einen Mantel, den Himmel spannst du aus wie eine Zeltbahn.

3 Dhamma zimmert in den Wassern sich hohe Gemächer, bestimmt sich Wolken zum Wagen, fährt auf den Flügeln des Windes daher,

4 macht sich Winde zu Boten, zu Dienern sich Feuer und Lohe.


Dies Gedicht ist ein Lobpreis des ewigen Dhamma. Ich könnte auch sagen: Es ist ein Lobpreis Gottes oder Jahwes oder eine Verherrlichung Adonajs, des Herrn. Die Namen, die Etiketten sind nicht so wichtig. Es kommt darauf an, daß wir sie richtig begreifen. Und wenn wir Gott begriffen haben und verstanden haben, daß Gott und Dhamma dasselbe sind - dann haben wir alles verstanden, die Natur und die Schöpfung und dann wissen wir auch, wie wir mit ihnen richtig und wahrhaftig umgehen können.


Wenn wir aber Gott nicht verstehen oder falsch verstehen, was mit diesem Begriff gemeint ist, wenn wir den Dhamma nicht begreifen oder falsch, dann können wir auch die Schöpfung und die Natur nicht begreifen . Das drückt der Dichter dieses Psalm in den einleitenden Versen aus, indem er darum bittet, daß seine Kehle gesegnet sei von Gott, indem er sagt, wie groß und glänzend und hell und weit und hoch und leicht Gott ist, mit einem Wort: wie anders Gott/Dhamma ist als die Schöpfung, die wir sehen und ergreifen können.


Gott ist anders, Dhamma ist anders - und deshalb sind sie zu loben.


Das ist der Kern der Botschaft, die hier in den ersten Versen in poetischen Bildern ausgedrückt wird. Wir dürfen diese Bilder nicht als Wirklichkeit nehmen, sondern eben als Bilder-Sprache für etwas, das sich ohne Bilder nur sehr schwer sagen läßt - es sei denn, wir sind bereit, die Dhamma-, die Gottes-Sprache zu lernen und zu sprechen.


Wenn wir die Bilder wörtlich nehmen, dann unterliegen wir einem Irrtum, einer Illusion. Dann kommen wir auf die Idee, daß Gott in der Natur wäre, in der Schöpfung. Dann loben wir die Schöpfung und denken, wir würden Gott loben.




Zwei weitere Auslegungen folgten. Die zweite behandelte die 10 Gebote, die dritte die Geschichte vom reichen Jüngling (Markus 10, 17-27) - Wer mehr wissen möchte .... hier geht's zu meiner Email-Adresse.