4. Vortragsreihe: Die andere Seite des Mondes

Drei Vorträge zum Verhältnis von Christentum und Buddhismus



Zur Abwechslung gibt es hier den Anfang des dritten und letzten Vortrags.



3. Vortrag am 8. November 1995: Sangha und Kirche - Freiheit und Verantwortung.


Ich wünsche einen guten Abend, meine Damen und Herren. Für heute ist ein dritter Blick auf die andere Seite des Mondes angesagt. Auf den beiden ersten Reisen haben wir dabei die Gestalt des Buddha und den dhamma, die Lehre des Buddha näher in Augenschein genommen. Ich habe dabei behauptet, daß der Buddha im Vergleich zu unserem landläufigen Christusbild, das mit der Vorstellung der liebevoll-annehmenden Wärme verbunden ist, eine gewisse Kühle ausstrahlt. Und den dhamma, die Lehre des Buddha, ist im Gegensatz zur abendländischen Vorstellung von Gott, der Inbegriff der Fülle des Lebens ist, durch den Begriff der Leere, des Hohlseins gekennzeichnet. Und ich hatte weiter behauptet, daß diese Attribute der Kühle und der Leere auch unter der Oberfläche der uns geläufigen christlich-abendländischen Weltsicht zu finden sind. Ich werde auf diese Behauptungen heute noch einmal zurückkommen

Auf der anderen Seite des Mondes ist es dieses Mal der sangha, die buddhistischen Mönchsgemeinde, die uns interessieren soll. Und verglichen werden soll sie mit der Einrichtung, die wir auf unserer Seite der Wirklichkeit kennen, mit der Kirche. Als Untertitel dieses Vergleichs habe ich die Stichworte ‘Freiheit’ und ‘Verantwortung’ gewählt. Ich unterstelle damit, daß der sangha im Kern dazu da ist, die Befreiung von allen irdischen Bindungen voranzutreiben, während die Kirche es wesentlich mit der Pflege der menschlichen Verantwortung zu tun hat.

Und es ist das Verhältnis zwischen diesen beiden Polen von Freiheit und Verantwortung, das ich mit Hilfe dieser Gegenüberstellung erhellen möchte.

Ich beginne mit einem Gedicht, einem Song, in dem uns der Mond ganz anders begegnet als in dem vertonten Gedicht des Matthias Claudius. Es stammt von der Gruppe Pink Floyd aus ihrer Platte The dark side of the moon von 1973. Die dunkle Seite des Mondes ist es, die hier besungen wird. Das Stück, das der ganzen Platte den Namen gegeben hat, trägt den Titel Brain Damage, also Gehirnschaden. Pink Floyd drückt hier ein ganz bestimmtes Lebensgefühl aus, das auch nach 20 Jahren noch sehr suggestiv wirkt. Der Text des Liedes, das uns heute als roter Faden begleiten wird, lautet in meiner Übersetzung so:


Der Mondsüchtige liegt im Gras,

Der Verrückte liegt auf dem Rasen,

Erinnert sich an Spiele und Ketten aus Gänseblümchen und Gelächter,

Die die Ausgeflippten auf dem rechten Pfad halten sollen.


Der Mondsüchtige ist im Saal,

Die Verrückten sind in meinem Flur,

Ihre in der Zeitung gefalteten Gesichter liegen auf dem Fußboden,

Und jeden Tag bringt der Zeitungsjunge mehr davon.


Und wenn der Damm viele Jahre zu früh bricht,

Und es keinen Platz mehr auf dem Hügel gibt,

Und wenn auch dein Kopf angesichts der dunklen Vorahnungen explodiert,

Dann werde ich dich auf der dunklen Seite des Mondes treffen.


Der Mondsüchtige ist in meinem Kopf.

Der Verrückte ist in meinem Hirn.

Du hebst die Klinge, du schaffst den Übergang.

Du rückst mich wieder zurecht, bis ich gesund bin.


Du verschließt die Tür

Und wirfst den Schlüssel weg,

Da ist jemand in meinem Kopf, aber das bin nicht ich.


Und wenn die Wolke birst, wenn der Donner in deinem Ohr ist,

Dann rufst du und keiner scheint zu hören.

Und wenn die Band, in der du spielst, ein ganz und gar unbekanntes Lied anstimmt,

Dann werde ich dich auf der dunklen Seite des Mondes treffen.


Die dunkle, die andere Seite des Mondes wird hier als so etwas wie ein Asyl vorgestellt, ein Fluchtpunkt für Menschen, die die äußere und innere Verrücktheit der Welt und ihres eigenen Lebens nicht mehr aushalten.

Und so ein Asyl - das sollten ja auch die Kirchen und die religiösen Gemeinschaften überhaupt sein; eine Fluchtburg, an dem die verfolgten Schutz, die Mutlosen neue Kraft und die Verdrehten neue Orientierung finden.




Alles Weitere ist mittlerweile ja bekannt. Wer neugierig geworden ist: hier geht's weiter.