Weihnachtsbetrachtung 2004


Es gehört zu den Stilmitteln einer Weihnachtsbetrachtung, einen der darin vorkommenden Charaktere in den Mittelpunkt zu stellen. Einen oder mehrere Hirten, den oder die Engel, Josef und Maria, Schafe, Ochs und Esel, die drei Weisen aus dem Morgenlande. Sie alle beleuchten einen positiven Aspekt des göttlichen Kindes, das im Stall von Bethlehem geboren wurde.

Dann sind da, als negative Charaktere, noch die hartherzigen Gastwirte des Ortes, die dem Paar und seinem noch ungeborenen Kind eine Unterkunft verweigern, und der Kaiser Augustus, der eine Steuerschätzung anordnet, damit das ganze Weihnachtsspektakel in Gang bringt und eine schwangere Frau zwingt, von Nazareth nach Bethlehem zu laufen, um sich zusammen mit ihrem Mann in ihrem Steuerwert schätzen zu lassen. Wie irrsinnig ist doch die Annahme, so sagt uns die Geschichte, dass der unermessliche Wert eines Menschen geldwertig geschätzt werden könne. Jesus ist das Gegenbild zum Kaiser Augustus, der ganz andere König. Die Aufdeckung dieses Irrsinns ist einer der Gründe für den unbezwingbaren Charme und Erfolg der Weihnachtsgeschichte.

Greifen wir uns für die Weihnachtsbetrachtung 2004 den Kaiser Augustus heraus und versuchen herauszufinden, was er uns an und um dies Weihnachtsfest zu sagen hat. In der populären Deutung ist er der Repräsentant einer letztlich unmenschlichen Ordnung, die mit einem Steuergesetz den staatlichen Apparat vor den Menschen stellt. Die abweisenden Gastwirte Bethlehems sind dann die Einzelnen, die das Gesetz der staatlichen Habsucht persönlich internalisiert haben, als Vorläufer des Slogans „Geiz ist geil“, gewissermaßen.

Augustus war unter anderem der Erfinder des „römischen Friedens“, der mit dem heutigen „amerikanischen Frieden“ im Guten wie im Schlechten einiges gemeinsam hat. Außerdem war er ein frommer Mann, der viele Tempel bauen ließ und die Moral seiner Untertanen im Auge hatte. Als Gott hat er sich dagegen nicht betrachtet, das Attribut wurde ihm von einem Nachfolger beigelegt. Die Steuern, die er damals erhob, waren also sowohl Friedens- wie auch, sagen wir, Religionssteuern. Der erste der römischen Kaiser legte die Grundlagen für seinen Nachfolger Konstantin, der drei Jahrhunderte nach ihm das Christentum zur staatstragenden Religion machte und damit die Kirchensteuer möglich werden ließ.

Die Steuerschätzung von damals verbindet unsere Kirchen mit Augustus. Die Weihnachtspredigten dieses Jahres mögen den Augustus als eine Personifizierung der finsteren Folie nutzen, auf dem die Botschaft von der Geburt Jesu um so heller erscheint. Gleichzeitig verdanken Prediger oder Predigerinnen ihren Lebensunterhalt einem System, das durch Steuern unterhalten wird und das Maria und Joseph damals von Nazareth nach Bethlehem zu gehen zwang. Und dieses von der Kirche übernommene System des Friedenskaisers übt auch heute Zwang aus, wenn auch anders als früher.

Heute kann man aus der Kirche austreten. Das wird zwar sanktioniert, für den normalen Sterblichen aber nur sehr milde. Auf der anderen Seite ist das Netz der Kontrolle unserer relevanten Daten so dicht, dass die heutigen Steuereintreiber es nicht mehr nötig haben, Völkerwanderungen zu organisieren, um sie zu erfassen. Gut gemeinte Kontrolle ist ein Kennzeichen, das die Kirche mit dem System des Augustus verbindet. Die Nähe der Mehrheitsreligion zum Staat ist ein zweites. Und ein drittes Kennzeichen ist die Einforderung von Gehorsam – heute sagt man: Loyalität - durch die, die das System leiten und repräsentieren. Leitung wie Loyalität sind notwendige Bedingungen, um das wirtschaftliche Bestehen des Systems zu sichern. Staat wie Kirche schöpfen ja keine Werte, sie schöpfen ab.

Konkret eingefordert werden Loyalität und Gehorsam in der Regel nur in Krisenzeiten, wenn, wie jüngst in Hamburg angesichts der Probleme mit der Startbahnverlängerung für das Airbus-Werk, Steuerausfälle drohen, oder besser, zu drohen scheinen. Dann kommt die sonst meist freundlich verdeckte Struktur des Systems zum Vorschein, staatlich wie kirchlich. Unterwerfung wird verlangt und wo sie nicht erfolgt, mangelnde Leitung beklagt. Was da gerade auch innerkirchlich zutage trat, war aber nur die Spitze des Eisbergs. Die finanzielle Dauerkrise der Kirche führt überall zu einer Verstärkung der Leitungsstrukturen und der Zwänge zur Loyalität. Das trifft direkt nur die in dem System gegen Bezahlung und ehrenamtlich Mitarbeitenden, indirekt aber alle. Denn die leitenden Theologen werden notwendigerweise immer mehr zu Managern auf Kosten ihrer Funktionen als fromme Leitfiguren und Seelsorger. Die Sorge und Verantwortung für die Steuern lässt sie Augustus immer ähnlicher werden. Auch diese Einsicht gehört zu den Erleuchtungen unserer Gegenwart, die die Weihnachtsgeschichte parat hält.

Ein Plädoyer für die Abschaffung der Steuern ist das nicht. Sie sind nötig. „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist“, hat der erwachsene Jesus im Steuerstreit vor 2000 Jahren gesagt. Dabei soll es bleiben. Nur sollte klar sein, dass in den demokratischen Zeiten die Kaiser von heute auch Talare tragen können. Mit denen unterliegen sie dann auch der tröstlichen Moral des Andersenschen Märchens.


Hans-Bernd Zöllner