Yangon August 97


Mittwoch, 6.8.


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Ankunft auf einem leeren Flughafen - Aussteigen über eine überdachte Treppe, denn es ist Regenzeit - schnelle Abfertigung in einer leeren Ankunftshalle - die Limousine (10 Dollar und 2 weitere für die unvermeidlichen Kofferträger) bringt mich zum Orchard Inn, gegenüber der Universität und neben dem Ecumenical Sharing Centre des Myanmar Council of Churches - ein Zimmer (mit Bad, Air, TV und Kühlschrank) ist gebucht (40 Dollar pro Nacht netto Sonderpreis) - Schwierigkeiten mit dem Telefonieren zu Botschaft und bei der Kirche funktioniert die Telefonanlage seit drei Tagen nicht mehr - Fahrt zum Geldwechseln: große Schlangen von Birmanen, die Kyat in Dollar tauschen wollen, der Schalter, an dem Foreign Exchange Certificates in Kyat getauscht werden können, ist dagegen leer - in der Botschaft ist auch jemand.


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Soweit geht fast alles wie am Schnürchen. Dann: Die Note der birmanischen Regierung, die mir den Zutritt zu den Bibliotheken erlaubt, ist nicht da: Ein neuer Mitarbeiter, der schon nach Hause gegangen ist, hat sie in seinem Aktenstapel. Morgen früh wird mir das Papier und Kopien ins Haus gebracht.

Herr Koch, der 2. Mann im Hause, ist sehr an Geschichte interessiert, und es gibt eine nette lange Unterhaltung, in der es im wesentlichen um die Gründe geht, die dazu geführt haben, warum die Sache mit der Unabhängigkeit in Birma nicht geklappt hat. Was waren die Gründe, so die zentrale und auch umstrittene Frage, die dazu führten, daß das ‘demokratische Experiment nicht geklappt hat. Waren die Briten `schuld’ oder war es Ne Win?

Aktuell ist das weitere Abrutschen des Kyat-Kurses. Ich habe 190 für einen Dollar bekommen, auf dem Schwarzen Markt gibt es weit über 200. Wer spekuliert da auf was?


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Am Nachmittag Gespräch mit U Thaw Kaung, dem Chefbibliothekar der Uni. Er wundert sich, daß die Botschaft ihn nicht angerufen hat, als die Genehmigung gekommen ist. Wir treffen Verabredungen über den Besuch in der Bibliothek und die Übersetzung von Bastians Buch; ich möchte in der Botschaft bei Herrn Koch nachfragen, welche Bücher er bestellen darf - nur deutsche?


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Spaziergang mit Nudelsuppe - 170 Kyat mit 2 Limonaden, wenn der Lohn von Regierungsangestellten immer noch nicht<viel mehr als 1000 Kyat beträgt, dann ist die Teuerung erheblich; An der nächsten Kreuzung, viel Leben, viel Handel keine sichtbaren Veränderungen..


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Es ist sehr feucht, die Straßen voller Wasserpfützen; es kommt mir so vor als habe der Verkehr zugenommen und die Straßen seien schlechter geworden. Shwedagon leuchtet vor den dunklen Wolken und lädt nicht zu einem Besuch ein.


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New Light of Myanmar - Hauptschlagzeile: Eine Brücke über den Thanlwin im Kayin (Karen) Staat ist eingeweiht worden. Nun können die Menschen hinter der Brücke am Rande Birmas ein wenig besser entwickelt (und kontrolliert) werden.


Donnerstag, 6. August


1

Am Morgen scheint alles schief zu gehen. Ich wache erst gegen halb 10 auf und hatte, wegen der durchwachten Flugnacht um einen Weckruf des Hotels um halb 8 gebeten. Dann ist auch das wichtige Papier von der Botschaft nicht da. Ein Anruf bei der Botschaft ergibt, daß der Fahrer um halb 9 losgefahren ist ....

Er kommt dann gerade nach dieser Auskunft, und dann geht alles wie am Schnürchen: Kaffeetrinken - 10 min Fußmarsch zum Haupteingang der Universität (ein Nebeneingang, durch den einige Leute gehen, wäre näher) - Am Haupteingang heben einige Männer, die da sitzen (alles Zivilisten), die Hand - Vorzeigen meines Papiers bei einem anderen Zivilisten auf der anderen Seite des Tores - ein kurzer Blick (keine Frage nach meinem Paß oder ein Rückruf irgendwo) und der Torwärter begleitet mich zu den Stufen des Bibliotheksgebäudes - U Thaw Kaung ist heute weg, das weiß ich, aber im ersten Stock gleich rechts ist das Zimmer mit der Aufschrift Deputy Librarian. - Hier fragt eine Dame nach meiner Erlaubnis, dann werde ich in einen anderen Raum geführt. Hier ist offenbar der vom Chef angekündigte Arbeitsplatz. - in der Manuskript Section.

Ich werde gefragt, was ich lesen möchte. Ich erkläre es - und kurz darauf kommen die ersten Bände mit Zeitungen Es sind nicht die, nach denen ich gefragt hatte, aber sie sind nützlich. - Später kommt der Kasten, der über die Bücher in englischer Sprache Auskunft gibt, die vorrätig sind. - Es sind nicht sehr viele, aber einiges ist darunter, was ich noch nicht kenne oder was in Hamburg nicht zu bekommen ist. - Ich schreibe Signaturen auf und bekomme bald darauf auch einige Bücher. - Kurz nach 12 werde ich gefragt, ob ich etwas essen möchte. Ich bestelle Nudeln und Tee und kann beim Essen weiter lesen. - Um vier beende ich die Arbeit, kurz danach ist Büroschluß.


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Die Universität ist immer noch geschlossen seit den Studentenunruhen im Dezember letzten Jahres. Dasselbe gilt für die Oberschulen, aber die werden vielleicht am Dienstag wieder geöffnet. Offiziell ist das nicht, aber offiziell hat es auch keine Schließung gegeben. Ich bin also auf dem Campus fast der einzige Student - von einigen Postgraduates einmal abgesehen, die ebenfalls studieren dürfen. Das ist mal wieder eine surreale Situation.

Betrieb ist trotzdem auf dem Campus. Die Professoren arbeiten weiter und die Angestellten auch, es ist also durchaus Betrieb, und es müßte Zeit da sein, etwas aufzuarbeiten.

Im Zimmer der Stellvertretenden Leitung - ebenso wie in Thaw Kaungs Raum - lagern Massen an Büchern, die (noch) nicht sortiert sind. Dasselbe erinnere ich vom Besuch der National Library im Januar. Ist das Prinzip? Die Bibliothek hat jedenfalls etwas Vormodernes. Es ist gewissermaßen alles noch Handarbeit (trotz Fotokopierer in der Eingangshalle und Aircon, Computerraum und Faxgerät und Mikrofilm, aber in der Toilette fließt kein Wasser). der Betrieb ist ganz und gar personal organisiert. Mit wird mit keinem Hinweis angedeutet, daß ich irgend etwas selber suchen könnte. Daw Ni Ni Myint ist heute nicht da, also habe ich erst ab morgen die Chance, das von ihr geleitete Universities Historical Research Centre zu sehen. Das nächste mal paar Tage vorher anrufen, meint mit leichtem Vorwurf einer ihrer Mitarbeiter am Telefon.

Im übrigen ist alles sehr übersichtlich. Die Bibliothek mitsamt aller ihrer Mitarbeiter ist in einem eingeschossigen Gebäude untergebracht. verlaufen kann ich mich hier nicht.


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Am Abend läuft wieder was schief. Ich will noch in die Stadt, zu einem Buchladen. Schönes Wetter, als ich losfahre. Dann ein Stau kurz vor meinem Ziel. Aussteigen geht schneller, aber dann kommt der nächste große Regenschauer kurz vor dem Ziel. Beim Warten unter einem Dach bietet mir eine Dame die Dienste eines Reiseführers aus ihrer Familie an, aber keinen Schirm. Den gibt es auf der anderen Straßenseite zu kaufen, erfahre ich im Hotel nebenan. 300 Kyat soll ein schönes Modell in gedeckten Farben kosten. Ich habe nur 280 im Portemonnaie - geht auch. Als ich dann am Buchladen bin, ist das Gitter geschlossen und von außen mit einem Schloß versehen. Man kann die Bücher sehen und Licht in einem Hinterraum, aber keiner macht auf - weder bei „Hallo“ noch beim Klingeln an einer Schnur, die aus dem zweiten Stock herunterhängt. Vor der Tür steht ein Mercedes. ich vermute, im Hause werden größere Geschäfte getätigt oder Wichtiges besprochen.


Freitag, 7. August


1

Die deutsche Botschaft öffnet um 8 - die öffentlichen Einrichtungen wie die Universität um halb 10. Also ist Zeit für einen Besuch bei der Botschaft, um ein konsularisches Anliegen vorzubringen. Es geht m die Stellungnahme zu einer Heirat zwischen zwei Chin-Birmanen, die nur kirchlich beglaubigt ist. Der zuständige Beamte ist ganz frisch im Land, sehr jung und hält sich an das, was er gelernt hat und an seine Unterlagen. Da steht etwas vom „Christian Marriage Act“ von 1954, nach dem christliche Heiraten vom Standesbeamten beglaubigt werden. Das sei die Theorie, meine ich, wogegen er meint, wenn’s nicht auch praktiziert würde, hätte man ihm das so nicht übergeben. Und außerdem müsse die Richterin aus Erfurt, die sich an unseren deutsch-birmanischen Verein gewandt hatte, direkt an die Botschaft schreiben und noch die notwendigen Unterlagen beifügen.


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In einem anderen Gespräch geht es noch einmal ums Geld. Das Gehalt von Staatsbeamten ist mittlerweile ein Taschengeld im wörtlichen Sinn - für 900 Kyat oder auch etwas mehr lassen sich nicht einmal einzelne Grundbedürfnisse (Wohnung oder Essen) decken. Also muß dazu verdient werden. Das führt etwa dazu, daß ganz offen Dollars für Dienstleistungen gefordert werden: Ein Dollar für die Kopie der Seite eines Dokuments in einem staatlichen Forschungsinstitut, 200 Dollar für eine aktuelle amtliche Statistik usw.


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Ich bezahle in der Universitätsbibliothek am Nachmittag 2 Kyat pro Kopie. In der Eingangshalle arbeiten drei Leute an drei Kopierern für die Kundschaft. So ganz geschlossen scheint die Universität hier nicht zu sein.


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Bevor ich mich am Nachmittag in die Schätze der Universität stürze und dabei im wahrsten Sinne des Wortes Staub aufwirble, habe ich um halb 11 eine zweite Begegnung mit Daw Ni Ni Myint, der Leiterin des Universities’ Historical Research Centre. Sie kommt zuerst auf die Übersetzung des Buches von Bastian zu sprechen. Ein gutes Freund, ein Professor für Deutsch, hat seine Hilfe angeboten, aber er ist sehr beschäftigt. Sie will sehen, ob sie eine Verabredung arrangieren kann. Das ‘Projekt’, so meint sie, solle erst einmal „personal“ laufen, später werde sie es dann offiziell machen.

Ansonsten preist sie die Möglichkeiten ihres Zentrums. Es biete einen besseren Zugang zu den Quellen als die British Library in London, weil hier die Dinge schon geordnet und in Form von Fotokopien und Mikrofilmen vorlägen. - Eine Mitarbeiterin zeigt mir einige Räume des Zentrums. Da sind Abreibungen von Inschriften, Palmblatt-Manuskripte, eine Bibliothek mit einer riesigen Kartei (da könnte ich noch zu tun haben!), und auch ein Raum mit den neuesten Geräten zum Lesen von Mikrofilmen. - Hier werde ich arbeiten können - am Montag. Am Wochenende ist alles geschlossen.


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Der große Regen macht deutlich, daß die Kleidung des Durchschnittsbirmanen - Longyi und Gummisandalen - den Erfordernissen der Umwelt entspricht. Es läßt sich bei einem tropischen Regenschauer auch mit Regenschirm nicht vermeiden, daß die Füße ‘überflutet’ werden. Und auch die Hosenbeine werden unweigerlich naß, einen Longyi kann man dagegen leicht anheben. - Während der 15 min Fußmarsch von der Bibliothek zum Hotel wird meine unangepaßte Kleidung völlig durchnäßt.


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U Zaw Min Sein ist der Sohn von Thakin Ba Sein, einem der prominentesten Mitglieder der Dobama Asiayone. Er ist auch ein Bekannter von einem birmanischen Hamburger bekannten, der der Sohn von Thakin Chit Tin ist. Die Väter standen sich nahe, die Söhne auch. Der bekannte hat mir ein kleines Geschenk mitgegeben, das ich an U Zaw Min Sein weitergeben soll. Dafür soll ich ein Buch mitnehmen, eine Biographie Ba Seins.

Der Sohn kommt pünktlich ins Hotel, nimmt das Geschenk in Empfang, und sagt, daß er das Buch schon einem anderen bekannten mitgegeben hat. Wir sitzen in der Lobby des Hotels und haben nicht viel miteinander zu reden.

Ich erfahre, daß das gemeinsame Ziel der Dobama die Unabhängigkeit war. Thakin Ba Sein suchte die Unterstützung Deutschlands, und weil das zu weit weg war, die Japans. Er hatte Kontakte zur japanischen Marine. Aung San war Kommunist, Ba Sein war immer Anti-Kommunist gewesen. Das war der Grund für die Trennung. Und der Grund für Aung Sans Erfolg: Nachdem er vergeblich versucht hatte, die chinesischen Kommunisten in Amoy zu treffen, kam er mit der japanischen Armee in Kontakt. Und die Armee hatte im Laufe des Krieges gegenüber der Marine in Birma die Oberhand.


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Am Abend wird mir bewußt, daß ich auch im Hotel der einzige Gast bin. Mindestens fünf Leute warten darauf, mir zu Diensten zu sein. Diese Dienste sind allerdings oft nur eine unbeabsichtigte Karikatur des gemeinten und im Prospekt angepriesenen Service. Morgens wird mir der Stuhl vom Frühstückstisch abgerückt, bevor ich mich setze, und die Ober beherrschen beim Bedienen alle Bewegungen eines perfekten Dieners. Aber das alles wirkt ein wenig wie die eingeübten Bewegungen beim Turmspringen. Und das Frühstück, das dann kommt, ist ein gewissermaßen skelettiertes American Breakfast. Der Orangensaft ist okay, der Toast dünn, Butter und Marmelade super-mini, das Ei ebenfalls, und es schmeckt, als ob es mit gezuckertem Öl gebacken worden sei. - Am Nachmittag werde ich vom diensthabenden Ober mehrmals aufgefordert, ja keinen Wunsch zu unterschlagen, aber wenn ich die Karte bestelle, enthält sie nichts außer gebratenem Speck bis Würstchen - und die Pommes und die Kartoffelchips sind gerade ausgegangen. Ich bestelle den Schinken und es kommen zwei Stücke auf den Teller, die aussehen als kämen sie direkt aus einem Fotoalbum der Nouvelle Cousine.- Auch hier also ein kräftiger Hauch von Surrealismus. Ich unterhalte im Moment das Hotel, weigere mich aber, 10 Dollar pro Minute für ein Gespräch nach Deutschland zu bezahlen. Vor mir hatte ein Japaner das Zimmer 104 gemietet, 9 Monate lang. Auch er ging jeden Tag den Weg in die Universität.


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Zwei Magazine preisen Myanmars Schönheit und machen Werbung für Hotel und Geschäfte. Dazwischen gibt es auch einige Informationen über Land und Leute. Zwei davon im dickeren stammen von U Thaw Kaung, dem Chefbibliothekar, und von Dr. Khin Maung Nyunt, einem Geschichts-Professor der Universität.


Sonnabend, 9. August


1

Vor dem Bagan Book House steht immer noch der Mercedes, aber der Laden hat heute geöffnet. Wie immer gibt es nicht nur Bücher - ich finde einiges von dem, was mir noch fehlt, und einiges, was ich gar nicht erwartet hätte -, sondern auch Infos. Die Preise steigen, klagt U Ba Kyi. Reis, sogar Gemüse wird teurer, wer soll da über die Leute schimpfen, die unter diesen Bedingungen versuchen, selbst zu Geld zu kommen, und dabei auch unredliche Praktiken anwenden.


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Der Besuch in der Lutheran Bethlehem Church hat einen kurzen Teil mit dem Besuch beim Alten Patriarchen J.J.Andrews in seinem dunklen Wohn-Arbeitszimmer. Der Alte Herr freut sich ehrlich, mich wieder zu sehen, und die Freude ist gegenseitig. Wir haben uns allerdings nicht mehr viel mitzuteilen. Das liegt im wesentlichen daran, daß der alte Pastor nun auf dem Altenteil ist und von sich auch nichts mehr zum Gespräch beizutragen hat. Das Gespräch ist einseitig. Ich erzähle von Deutschland, vom Kirchentag und von anderem. Dann bittet mich der Junior in sein Büro.


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Dort wartet Kollege Scheel aus Bangkok, der nach einem Besuch in Mandalay und Bagan auf der Heimreise ist.


Sonntag, 10. August


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Wieder verschlafen, aber noch rechtzeitig in der Kirche zum 8 Uhr fünfundvierzig-Gottesdienst in der Lutheran Bethlehem Church. Same procedure as every time, ein Stück fremder lutherischer Heimat. - Die Modernisierung der Gemeinde macht Fortschritte. Es gibt jetzt eine Mikrophon-Anlage, eine Spende aus Holland. Das Büro ist weiter ausgebaut, es gibt sogar einen Farbdrucker, und die Aussichten im Hinblick aufs Geld sind rosig: Jenson Andrews wird im Oktober über ein FEC-Konto verfügen. Dann können die Zuschüsse aus Schweden ($ 75.000) ohne Abzug zum Marktpreis umgetauscht werden. Statt 400.000 Kyat gibt es dann 15 Millionen Kyat. Schwindelige Aussichten.


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U Thaw Kaungs Buchhandlung läuft in der Regenzeit schlecht. Es sind keine Touristen da. So hat er Zeit, mich abzuholen und wieder zurückzubringen. Ich finde noch einige interessante Bücher, habe aber allmählich das Gefühl, daß ich ‘durch’ bin. - Im übrigen gibt es ein Freundschaft-Abkommen mit der Uni: Im Gegenzug gegen eine Spende können Bücher und Dokumente aus der Bibliothek fotokopiert werden. Diese Möglichkeit kann ich nutzen.


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Peter Joseph, ich kenne ihn irgendwie von früher, wird heute als Pastor der Telugu sprechenden Gemeinde der baptistischen Immanuel-Kirche eingeführt. Die Kirche liegt direkt im Zentrum Yangons. Ich denke, er wird sich freuen, wenn ich ihm gratuliere. Ich komme gerade zum letzten Lied des Einführungsgottesdienstes zurecht, der im ersten Stock der Kirche stattfindet; es ist Punkt 2 und um 12 hatte der Gottesdienst begonnen. Peter freut sich in der Tat. Danach gibt es im unteren Stockwerk der Kirche, in dem die Funktionsräume der Kirche, in der es 5 Sprachgemeinden gibt, unterbracht sind, einen Pastorenkaffee. Ich setzte Dr. Htoon gegenüber, der am Theologischen Seminar der MIT Kirchengeschichte lehrt. er hat eine Doktorarbeit über die Katholische Kirche geschrieben. Deutsche Missionare sind ihm nicht bekannt, also kann ich es mir sparen, sein Buch, das in der Bibliothek ist, durchzublättern.


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Schließlich Father Felix, ein anderer indischer Pastor, besser: Ein Evangelist reinsten Wassers, den ich ebenso befremdlich finde wie ich ihn mag. Er hatte mir vor kurzem einen Brief geschrieben und vom neusten Stand seiner Familiengeschichte berichtet. Auch meinen Nachfolgern schreibt er, wie ich weiß, und es geht immer um eine Mischung aus Gebets- und finanzieller bzw. praktischer Hilfe.


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Father Felix lebt in einem kleinen Apartment einer Art Neubausiedlung auf einem Grundstück, auf dem auch zwei heruntergekommene alte Häuser stehen. An den Türen - „beten verändert die Welt“ - ist zu erkennen, daß dies hier eine christliche Siedlung ist. Das Gelände gehört der anglikanischen Kirche, erfahre ich. Hier sind im vorigen Jahrhundert die ersten Schulen für birmanische junge Frauen gebaut worden..

Die Siedlung ist entstanden, weil Erzbischof Andrew Mya Han das Nachbargrundstück verkauft hat, auf dem kirchliche Angestellte in Häusern wohnten. Damit sie nicht protestieren, hat er diese Siedlung bauen lassen. Felix mußte daraufhin die meisten seiner Möbel verkaufen, weil sie hier nicht reinpaßten. Das gab einen guten Preis, und das Geld war gut zu gebrauchen, um die Kosten für die Behandlung seiner Frau zu bezahlen.

Über Bischof Andrew sagt Felix nichts Gutes. Der Bischof hat ihn von seiner Pfarrstelle suspendiert, nachdem Felix in einer Art Dokumentation die vielen Grundstücksgeschäfte des Bischofs, von denen das mit dem Nachbargrundstück nur eines sei, kritisch beleuchtet hatte. Gegen die Verkäufe sei im Prinzip nichts zu sagen, meint er, die Kirche müsse den neuen Zeiten mit leichtem Gepäck entgegengehen. Aber daß der Bischof die Kommission für die Verkäufe in die eigene Tasche stecke.....

Das Nachbargrundstück ist im übrigen noch nicht bebaut worden, weil der Käufer das Gelände eigentlich nicht habe kaufen dürfen. Und die alten Gebäude auf dem Grundstück sollten abgerissen werden - dürfen sie aber nicht. Die Regierung hatte sie wegen ihres hohen Alters unter Denkmalsschutz gestellt. Geld für die Restaurierung gibt die Regierung natürlich nicht, der Bischof auch nicht, obwohl er es gut könnte.

Noch mal zurück zum Bischof: Auf Einspruch der Gemeinde, in der Felix arbeitet, hat der Bischof die Suspendierung zurückgenommen, aber er läßt ihn in der Luft hängen. Er ist quasi pensioniert, bekommt aber keinen offiziellen Abschied. Ende des Monats rechnet er mit dem endgültigen Abschied von seiner Gemeinde.


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Clara, Felix’ Frau, hat Rheumatismus. Sie wurde auf einer Reise nach Malaysia zum ältesten Sohn in Bangkok behandelt. Das kostete so viel, daß sie die Reise nicht fortsetzen konnte (damals hatte Felix mich und andere um Geld gebeten). Nun sollte sie wieder nach Bangkok, aber in der Regenzeit will sie das nicht. Die Bangkoker Donner machen ihr Angst. Die Donner in Yangon sind etwas anderes.


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Ich erzähle Felix die Grundidee meiner Arbeit. Er bestätigt - ein wenig überrascht - alles, was ich sage und macht mir Komplimente. Er hat noch keinen getroffen, der die Parellilität von Königtum und Religion in Birma durch die Geschichte hindurch so herausgearbeitet hat wie ich. Ich freue mich über die Bestätigung.


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Vor einigen Jahren hat er eine neue Kirche auf dem Platz der alten gebaut. Das ist die einzige, für die SLORC eine Genehmigung gegeben hat. Das Geld - 250 Lakhs, also 25 Millionen- hat er selbst gestiftet. Vor Jahren hat ihm eine englische Lady 5.000 Pfund hinterlassen. Das Geld hat er in Singapur auf die Bank gebracht und Zinsen tragen lassen. Beim Rücktransfer waren es 30 Lakhs. - Kein Wunde, denke ich, daß die Gemeinde den Bischof genötigt hat, Felix wieder in sein Amt einzusetzen.

Die Kirche ist - wie die Immanuel-Kirche - zweigeschossig, was für anglikanische Verhältnisse immer noch revolutionär ist. Im Untergeschoß möchte Felix eine Klinik einrichten oder ein Kurzzeitmeditationszentrum, in dem eine Mischung aus buddhistischer und christlicher Meditation gelehrt wird. Ich sage ihm, er soll sich melden, wenn das Zentrum fertig ist.


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Vor der Pensionierung hat Felix keine Angst. Es gibt genug zu tun, und es gibt wichtigere Dinge als die Kirche. Die ist in Birma - teilweise - so korrupt wie der Staat. Mission tut not, das Überschreiten von Grenzen, nicht Nabelschau.


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Felix und die Andrews’ Familie haben Probleme, erfahre ich im Taxi von Andrews jun. Felix hatte Streit mit dem Senior, und über den jungen Nachfolger hat er einiges erzählt, was dem wiedererzählt worden ist. Irgendwie fand Felix die Amtsübergabe nicht in Ordnung. Der alte Evangelist hat dem jungen Pastor nicht in die Augen gesehen, als der mich bei ihm abgeliefert hat. Und er ist auch nicht gekommen, als er neulich eingeladen worden war. Sogar Bischof Andrew war da. Was soll man da machen? - Das weiß ich auch nicht.


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Auch in der Andrews-Familie und in der Gemeinde gibt es Probleme seit der Amtsübergabe. Bruder Julian hat sich zurückgezogen - Neid auf den großen Bruder? - und Michael Saw, eine Stütze der Gemeinde auch.


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Das viele Geld, das da kommen könnte, die 15 Millionen, macht auch Jenson Andrews Sorgen. Mehrmals 2 Millionen will er nicht haben, das wären etwa $ 10,000. - Wir beraten darüber und anderes, ein praktisches Gespräch unter Amtsbrüder, deren Probleme trotz der unterschiedlichen Lebenswelten ähnlich sind.


Montag, 11. August


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Ich bin überpünktlich im Universities’ Historical Research Centre, aber der mich betreuende Engel - ich habe den Namen vergessen (Nachtrag: Khin Khin Myint) - ist noch nicht da. Ohne den läuft nichts in der Abteilung Mikrofilm und Fotokopien. Aber die Bibliothek hat auf und ich kann anfangen, die Karteikarten durchzugehen, um zu sehen, was es da möglicherweise noch alles gibt. Ich komme bis zum Buchstaben D und finde in jedem Buchstaben einen ‘Treffer’. Da ist zum Beispiel ein kleines Buch von U Ba Swe, einem der Gründer der Sozialistischen Partei,. Das möchte ich fotokopiert haben. Das geht, sagt die stellvertretende Bibliotheksleitung, aber: erst muß ein Antrag gestellt werden, dann sind 5 Dollar zu bezahlen, dann wird kopiert - und die Kopien können in Kyat bezahlt werden. - Okay, nur leider habe ich mein Portemonnaie vergessen.


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Khin Khin Myint kommt ungefähr um halb 11 und entschuldigt sich. Es war viel Verkehr. Sie hat aber einen Teil der Dinge vorbereitet, die ich sehen wollte. Und die geben mir genug zu tun, so daß ich kaum Zeit finde, kurz vor 4 noch einmal in die Universitätsbibliothek zu gehen. - Leider funktioniert der Apparat nicht, mit dem Mikrofilme fotokopiert werden können, also muß ich einige Statistiken noch mal abschreiben, was ziemlich lästig ist.


3

Kurzer Besuch bei Ni Ni Myint. Sie hat noch einmal mit dem guten Freund gesprochen, der die Übersetzung machen kann. Im Moment ist er zu beschäftigt, weil er einen Minister begleiten muß, er hätte mich sonst gerne getroffen. Das wird bei meinem nächsten Besuch passieren. In der Zwischenzeit wird sie das Ganze offiziell machen, Leute suchen, der Professor wird Leute suchen, die eine Rohübersetzung machen oder gar ein Team von 2 - 4 Leuten, es gibt da Erfahrungen. - Nun gut, denke ich, dauert das Ganze also etwas länger, ist aber offiziell.


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Informationen über das Heiraten in Myanmar. Es gibt den „Christian Marriage Act’. Der geht auf die britische Zeit zurück, wurde 1954 birmanisches Gesetz, sollte 1984 verändert werden (der MCC hatte auf Verlangen der Autoritäten Veränderungen vorgeschlagen), was dann aber nicht passierte. Der Akt ist recht kompliziert, aber es läßt sich folgendes sagen:

Wenn zwei Leute, die beide Christen sind, vor einem ordinierten Pastor heiraten, dann gilt die Ehe auch vor dem Gesetz. Heiraten ein Christ und ein Nicht-Christ vor einem Pastor, ist die Sache komplizierte. Jeder anglikanische Pastor hat automatisch auch die staatliche „Marriage Licence“. Bei den Baptisten, die aus britischer Sicht als „Freikirche“ sind, dürfen gemischte Paare nur von Pastoren mit einer speziellen Lizenz rechtsgültig getraut werden (Smith hat diese Lizenz nicht). Es ist nicht klar, wie die Dinge bei den Presbyterianern aussehen. Das fragliche Paar in Erfurt ist von einem presbyterianischen Pastor getraut worden.

Vorschlag: Kopie der originalen Heiratsurkunde zum MCC faxen. Smith fragt den presbyterianischen Pfarrer vor Ort, ob die Sache in Ordnung ist, und dann schreibe ich einen Brief an das Amtsgericht in Erfurt.


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Merkwürdig: Der starke Regen der letzten Zeit hat in manchen Teilen Birmas zu schweren Überschwemmungen geführt, die auch Todesfälle zur Folge hatten. Im Gegensatz zu sonstigen Gelegenheiten, bei denen die Dinge publiziert und um Spenden gebeten wurden, hat das Militär in diesem Fall nichts verlautbaren lassen. Nichts im Fernsehen, nichts im Rundfunk, nichts im New Light of Myanmar. Sonst wurden Unglücke publiziert und die Bevölkerung wurde um Spenden gebeten. Was steckt dahinter?
Vermutung: SLORC versteckt die Nachrichten, weil die Leute denken könnten, das Unglück könnte die Konsequenz von SLORCs schlechten Taten sein.

Problem der Kirche. Sie kann nicht helfen - und auch nicht nach außen hin um Hilfe bitten.

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Die Preise steigen, und die Wirtschaft ist - wie der Wechselkurs zeigt - auch am Schleudern. - Neu ist, daß es jetzt unter bestimmten Umständen unbegrenzt Benzin zu kaufen gibt. Das gilt, wer den ‘Marktpreis’ von 180 Kyat für die Gallone bezahlen kann. Regierungsangestellte bekommen eine begrenzte Menge nach wie vor für 25 Kyat. Die begrenzten Aufhebung der Rationierung ist wohl ein Versuch, den wirtschaftlichen Druck, unter dem das ganze Land leidet, ein wenig zu erleichtern.

Unbekannt ist in diesem Zusammenhang, wieviel Öl in Birma selbst gefördert und verarbeitet wird. Woher das Benzin kommt, ist also unklar. Ein Gerücht besagt, daß die koreanische Daewoo-Gesellschaft Öl besorgt, denkbar ist auch, daß es die Öl-Gesellschaften sind, die das birmanische Erdgas auszubeuten trachten.


Dienstag, 12. August


1

Ein Versuch, den shortcut zur Bibliothek zu benutzen, scheitert. Hinter dem Nebeneingang stehen auch Leute, die ein Auge auf die Eintretenden haben. Ich werde aufgehalten, ein Spezialist wird gerufen, er beguckt mein Erlaubnispapier und kündigt an, U Thaw Kaung anzurufen. Das kann länger dauern als der Weg um die Ecke zum Haupteingang - und so entschuldige ich mich für die Störung und gehe weiter.


2

Ich komme heute zu spät zur Arbeit in der Universität. Das liegt zum Teil an Herrn Koch in der Botschaft, der mir den ersten Teil meiner Arbeit mit einigen Kommentaren zurückgibt. Zum anderen liegt es daran, daß heute die Schulen wieder geöffnet sind und sich deshalb der Verkehr besonders staut. Es stellt sich dann heraus, daß auch die Mitarbeiterinnen in der Bibliothek aufgehalten worden. Als ich um 10 vor 10 eintreffe, ist noch keiner an der Arbeit.


3

U Thaw Kaungs Nachfolger, den ich im Hinblick auf meinen nächsten Besuch gerne treffen würde, steht noch nicht fest. Ein Schüler von ihm, der den Posten bekommen sollte, hat die Universität vor einem Jahr verlassen. Das Gehalt des Leiters der Bibliothek ist zu gering, aber wenn er dem Posten einmal nahe gewesen wäre, hätte er ihn schlecht ablehnen können. - Dann war eine erfahrene Bibliothekarin im Gespräch. Sie hat Brustkrebs bekommen, und wird den Posten nicht antreten können. - Andere Mitarbeiter und Schüler von U Thaw Kaung arbeiten in anderen Büchereien - also wird wohl jemand von außen kommen. Da alle Universitätsbibliotheken im Lande nach denselben Grundsätzen arbeiten, ist das kein Problem.

U Thaw Kaung wird der Bibliothek als Berater erhalten bleiben. Und Daw Ni Ni Myint möchte, daß er full time im Universities’ Historical Research Centre weiterarbeitet. Er wird mich also weiter begleiten und einführen können.

Das Haus auf dem Campus wird er verlassen. Er wird in ein Haus in der Nähe seiner 84jährigen Mutter ziehen. Er ist das einzige im Lande gebliebene Kind. Eine Schwester lebt in Amerika, eine andere in Singapur. Also muß er sich kümmern.


4

Andrews junior kennt schon Einzelheiten des Schulanfangs. Die Kinder sind aus der schule zurück. Gestern stand die Nachricht in der Zeitung, außerdem hatten die Lehrer es erzählt und schließlich war man darauf vorbereitet, weil der Sekretär Nr. 1 in letzter Zeit besonders viele Schulen besucht und die Verbesserungen des Unterrichts propagiert.

Eröffnet worden sind heute allerdings nur die Schulen bis grade 8. Schüler von grade 9 und 10 sowie Studenten bleiben weiter zu Hause, und Jenson Andrews fragt sich, ob auch die Schule beim Haus von Aung San Su Kyi geöffnet worden ist. - Die Kinder haben erzählt, daß die Lehrer angekündigt hätten, daß in nächster zeit viel nachgeholt werden müsse. Die Schule hätte ja im Juni anfangen müssen und im Oktober oder so sind die nächsten Prüfungen fällig. Also muß nachgeholt werden.


Mittwoch, 13. August


1

Heute bin ich zu früh in der Bücherei: Um 5 vor halb 10 ist noch keiner da und um 5 nach halb auch nicht. Dann kommt ein Mann mit Schlüssel, der mir meinen Raum aufschließt, aber die Air nicht anstellen kann. Meine Schutzengel, die mir Bücher bringen, lassen noch auf sich warten. Also versuche ich es selber in der Zeitschriften-Abteilung - und siehe da: es klappt, zumindest teilweise.

Als die Engel dann da sind, bringen sie mir Bücher, in denen die Artikel des Guardian Magazine sortiert sind. Diese Hilfe hatte ich gestern beim Blättern in der Kartei des UHRC entdeckt. Dort gab es zwei Bände für die Jahrgänge 57 - 62, aber keinen für die ersten Jahre von Ende 53-56. Die Zeitungen dieser Zeit seien selten, deshalb sei darüber kein Index verfaßt worden, ist die Auskunft. Heute bekomme ich genau das angeblich nicht geschriebene Werk, dafür fehlt das mit den Jahren 1960-62.


2

Mit der vorhandenen Hilfe geht es schnell, die mich interessierenden Seiten aus der Zeitung ausfindig zu machen und zum Fotokopierer zu geben. Die beiden jungen Leute kommen kaum nach mit meinen Aufträgen. Dann gehe ich ins UHCR, um dort weiter Mikrofilme zu sehen. Kurz nach halb 3 Abschied von Daw Khin Khin Myint und Daw Ni Ni Myint und hoffentlich bis bald (12./13. Januar ist eine Konferenz geplant, ich soll doch teilnehmen).

Dann kurz vor drei zurück in der Bibliothek. Hier ist offenbar schon weitgehend Dienstschluß. ‘Mein’ Raum, in dem sonst meist auch noch jemand an der Katalogisierung von Manuskripten arbeitet, ist abgeschlossen. Ich unternehme einen Rundgang durch das Stockwerk und schaue in die einzelnen Räume. Was ist sehe, ist eindrucksvoll.

Vom Zimmer des Leiters angefangen liegen in den Räumen aller Sections Unmengen von Büchern in einem scheinbar völligen Chaos durcheinander und herum. Einzelne Bücherstapel sind verschnürt, andere nicht, wieder andere in Schränken. Dazwischen arbeiten Leute, sie arbeiten vor sich hin und es sieht irgendwie nach einer von vornherein sinnlosen Sisyphusarbeit aus. Mein Eindruck: Was hier fehlt, ist schlicht ein Gebäude mit reichlich Regalen, in denen die Massen von Wissen gelagert werden können. - U Thaw Kaung versucht, möglichst viel Informationen auf Disketten zu speichern, und das ist wahrscheinlich der realistischste Weg angesichts der Tatsache, daß auf dem Gelände kaum schnell ein Neubau entstehen wird.


3

Das UHRC ist im Vergleich zur Bibliothek technisch üppig ausgestattet, ich arbeite kurz an einem elektrisch betriebenen Mikrofilm-Lesegerät. Es scheint auch so, als seinen - wahrscheinlich dank Daw Ni Ni Myint - die Arbeitsbedingungen besser - aber auch strenger. Im Unterschied zur Bibliothek wird meine Frage, ob ich denn ein wenig Dank in eine Kasse für gemeinsames Wohlergehen legen könne, freundlich aber bestimmt abgewiesen. - Ich verabschiede mich auch von der Chefin und kann dabei endlich mein mühsam gelerntes „Thwa-ba-oun-meh“ (Auf Wiedersehen) anbringen.


4

Ich bringe Father Felix noch ein Buch über birmanische Geschichte, damit er sehen kann, daß meine Ideen über birmanische Geschichte nicht von mir stammen. Irgendwie sieht er heute anders aus - richtig, er hat seinen Bart abrasiert. Warum das? Seine Frau hat nach meinem Besuch mit ihm geschimpft, weil er so verlottert ausgesehen habe mit dem langen Bart, also ist er nun weg. Ich finde das eher schade, denn er sah mit dem Bart ein wenig aus wie einer von diesen immer etwas verrückten indischen Swamis - und ein bißchen wie Albert Einstein auch.


5

Abendessen mit Smith in einem Lokal in der Nähe, ganz privat. Austausch von Familiennachrichten. Nebenbei: Pässe für Auslandsreisen werden immer noch restriktiv ausgegeben. Das schlimmste ist die Abhängigkeit von den lokalen Botschaften, die Einladungen aus dem Land, in das gereist werden soll, bestätigen müssen. Das klappt gut in Genf (auch, weil da eine Christin sitzt), es klappt nicht in Bonn, wo schon mal ein Brief verlorengeht. - Ich lasse mir die Fax-Nummer des MCC für die Klärung der Legalität der beiden Chinin Erfurt und den Namen eines Professors, des Tutors von Ni Ni Myint, geben. Letzteren könnte ich bei meinem nächsten Besuch befragen, wenn es darum geht, meine Sicht der Dinger noch einmal abzuklären.


6

Im Hotel sind seit zwei Tagen noch weitere Gäste, und sogar aus Deutschland. Smith hatte mir schon gesagt, daß sie aus Wuppertal kommen und - beinahe logisch - eine kirchliche Bindung haben. Beide waren lange mit der VEM (Rheinische Missionsgesellschaft) in Indonesien, dabei hat er 1957 am hiesigen theologischen Institut den Englischlehrer vertreten. Dann war er 1974 noch mal hier und jetzt auf der Rückreise noch mal, weil Kyaw Tin Tun, langjähriger birmanischer Stipendiat in Deutschland, auch einige Jahre in Wuppertal war und ihn eingeladen hat, bei der nächsten Reise nach Indonesien mal vorbeizukommen. Außerdem ließ sich dabei noch einiges besprechen.


Donnerstag, 15. August


1

Mir fehlen noch ein paar Fotokopien. U Thaw Kaungs Sohn wird sie mir anfertigen. Nur wie sollen sie sicher nach Deutschland kommen? - Herr B. von der Botschaft erklärt mir in aller Ausführlichkeit, daß das mit dem Botschafts-Kurier wohl nicht geht - es müßte da erst ein Antrag in Bonn gestellt werden, und so ein Antrag ist bei Herrn Prof. Bechert vor einiger Zeit abgelehnt worden. Aber vielleicht kann Herrn B.s Frau die Dinge mitnehmen und zur Post bringen, wenn sie im September nach Deutschland kommt. - Nett.


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Abschied vom Campus der Universität. Ich spaziere noch einmal zur Bibliothek, um einen Brief von U Thaw Kaung abzugeben,, in dem die Einzelheiten der Fotokopien drin stehen. Mich beschleichen nostalgische Gefühle, weil mir der (Um-) Weg mittlerweile so vertraut ist. Es ist furchtbar schwül, die Wiesen dampfen und es ist kurz nach ½ 10 noch kein betrieb. Aber in der Bibliothek ist das Chef-Zimmer wie immer offen und ein Angestellter nimmt meinen Brief entgegen. Auf dem Weg nach draußen treffe ich einen meiner Schutzengel. Ich bezahle bei ihr meine restlichen Fotokopier-Schulden, verzichte auf eine Empfangsbestätigung für die 20 $ -Spende und nehme den Wunsch mit, eine Karte aus Deutschland zu bekommen, wenn ich wieder zurück bin. Aber klar doch.


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Auf dem Flugplatz bin ich viel zu früh. Es geht alles ganz glatt, keiner will meine Taschen sehen, und ich habe Zeit, am vertrauten Ort - Das Flughafen-Restaurant hat sein Gesicht kaum verändert - in Ruhe und mit einiger der mitgebrachten Lektüre für dieses Mal von Yangon Abschied zu nehmen.