Rangun März 1996
Die
folgenden Texte sind dem Tagebuch meiner jüngsten Reise nach
Birma entnommen. Sie fand vom 4. bis 11. März 1996 statt und
war, wenn ich richtig gezählt habe, die zwölfte seit 1984.
Von 1984 bis 1990 bin ich beruflich von Bangkok nach Rangun gefahren.
Ich war in dieser Zeit Pfarrer der Evangelischen Gemeinde deutscher
Sprache in Thailand und Besuche in Rangun waren ein Teil meiner
Aufgabe. Seitdem fahre ich als Privatmann, um Freunde und Bekannte
wiederzutreffen, die Entwicklung im Lande von Zeit zu Zeit mit der
eigenen Nase zu beschnuppern und um Material für meine Studien
zu den birmanisch-deutschen Beziehungen zu sammeln.
In
diesem Jahr habe ich versucht, Eindrücke zu sammeln und sie so
unkommentiert wie möglich aufzuschreiben. Vorurteile über
dies Land gibt es ja schon genug.
Die
erste Notiz stammt vom Ende der Reise und versucht, ein Fazit zu
ziehen. Die weiteren Reisenotizen werden, wo es mir nötig
scheint, jeweils kurz miteinander verknüpft.
FAZIT
Rangun im März 1996 -
das ist ein Ort, an dem es schwer fällt zu sagen, was denn
wirklich real, was denn wirklich wirklich ist. Welcher Kurs des
Geldes, welcher Kurs von Politik, welches Gefühl von Fortschritt
oder Rückschritt, welche Sicht der Vergangenheit. Nur eins ist
wirklich wirklich: Die Macht des Militärs - aber ist dies
Militär wirklich wirklich ?
..................
STARK VERSPÄTETER
JAHRESANFANG
Die noch unfertigen Hotels
haben etwas mit dem „Visit Myanmar Year“, das für
dieses Jahr 1996 ausgerufen worden ist. Dies Besuchsjahr soll, so
steht es heute in der Zeitung, am 18. November feierlich eröffnet
werden.
Dann sind - vielleicht -
auch die noch im Bau befindlichen Hotels fertig. Und dann werden die
Statistiken über die Besucher auch nicht mehr so eindeutig sein.
Ursprünglich war ein Ziel von einer Million Gäste
angestrebt, dann stand die Zahl 500,000 im Raum, jetzt spricht der
Tourismus-Minister von 200,000 Menschen, die dies Besuchsjahr anlockt
- aber in welchem Zeitraum?
Und wer will wohl die
Preise in den neuen Hotels bezahlen, 200 Dollar und darüber?
....................
Abschließend eine
etwas längere Aufzeichnung, die sowohl „öffentlichen“
und „privaten“ Charakter hat. Die Adresse, die der
Überschrift den Namen gegeben hat, steht in keinem Ranguner
Telefonbuch, aber es kennt sie fast jeder.
UNIVERSITY AVENUE 54
Eine Menge Leute sind
unterwegs kurz vor 4 zu dieser Adresse. Ich überhole die
Fußgänger in dem Wagen meiner lutherischen Freunde, die
mich kurz hinter der Hausnummer 54 absetzen. Sie haben Angst, hier
gesehen zu werden, und fahren gleich weiter. Ich habe Sorge, ob ich
noch einen Platz finde, an dem etwas zu sehen ist, denn einige
Tausend Leute sind schon da. Direkt vor dem Tor zum Eingang des
Hauses ist schon alles besetzt, aber auf der anderen Straßenseite,
hinter der Stacheldrahtsperre, die den Fußweg von der Straße
trennt, gibt es noch einen Stehplatz am Grabenrand, schräg
gegenüber vom Eingangstor.
Die meisten Leute sitzen
auf dem Rasen der Straßenböschung und vor der Einfahrt zum
gegenüberliegenden Haus. Auf der Straße stehen Polizisten
und winken die vorüberfahrenden Fahrzeuge vorbei. Wenn ein Auto
zu langsam fährt, ertönt ein Pfiff. Ich schätze, daß
etwa 5.000 Leute, etwa 1000 auf der Straßenseite vor Haus Nr.
54 und 4000 auf der gegenüberliegenden Seite so Platz haben, daß
sie sehen und auch hören können, was da am Tor passieren
wird. Wäre die Straße gesperrt, könnten mehr Leute
zusehen und -hören. Aber der Verkehr läuft weiter, als sei
hier nichts Besonderes los, das ist das Arrangement.
Ziemlich genau um 4 fängt
ein junger Mann mit gelber Weste rechts neben dem Tor der Hausnummer
54 an zu klatschen. In diesem Moment sind drei Oberkörper über
dem Tor zu sehen. Dies Tor hat die Aufgabe, Einbrecher abzuweisen.
Das tun die nach außen gebogenen spitzen Haken, die auf die
Torflügel aufgesetzt sind. Über ihnen sind nun Aung San Suu
Kyi zu sehen, neben ihr zwei Männer und neben denen zwei
Jugendliche. Fünf Köpfe. Die Menge klatscht mit dem jungen
Mann in der gelben Weste, einem der Ordner des Hauses Nr. 54. Die
Leute klatschen mit Anteilnahme, aber nicht wild.
Dann beginnt Aung San Suu
Kyi zu reden. Sie hält ein Mikrophon in der Hand, und es gibt
eine Verstärker-Anlage. Ich verstehe natürlich trotzdem
nichts, weil ich kein birmanisch kann. Mein Nachbar ist ein älterer
Herr, der englisch kann. Er kaut Bethel und sein Atem ist angenehm
süßlich. Er sagt, our national leader spräche
über die Universitäten. Viel kann er mir nicht erklären,
denn eine junge Ausländerin auf seiner anderen Seite nimmt ihn
stark in Anspruch. Überhaupt die Ausländer: Sie sind -
neben den Verkäufern von Getränken und kleinen Snacks - die
einzigen, die Unruhe verbreiten. Sie laufen mit ihren Kameras auf der
anderen Straßenseite vor den Absperrungen lang, um nahe an die
Volksheldin heranzukommen und ein Photo zu machen. Keiner scheint
sich dran zu stören.
Die Bewohnerin des Hauses
macht am Anfang offenbar einige witzige Bemerkungen. Die Leute lachen
zustimmend. Danach gibt es wenig Reaktionen. Die Leute hören zu,
aufmerksam, aber auch ganz entspannt. Nach 20 Minuten ist die Rede zu
Ende. Die Leute klatschen, der Nachbar zur Rechten beginnt seine
Rede.
Es ist U Tin U, der
Vorsitzende der NLD, der National League for Democracy. Aung San Suu
Kyi ist wieder die Generalsekretärin dieser Partei, seit der
Hausarrest gegen sie im Juli aufgehoben wurde. Und der Mann zu ihrer
Linken ist Maung Gyi, der stellvertretende Vorsitzende. Jeden Sonntag
sprechen die drei hier. Sie sprechen zu Themen, die sie für
wichtig halten und sie beantworten in ihren Reden Fragen, die im
Hause Nr. 54 über die Woche eingegangen sind. Am Sonnabend zur
gleichen Zeit spricht nur die Hausherrin. Dies ist ein Ritual, das
seit Juli andauert.
U Tin U spricht offenbar
über politischer Systeme, über Faschismus, Demokratie und
andere Staatsformen. Das Publikum ist während seines Vortrages
sehr ruhig. Maung Gyi schließlich, der ihn nach weiteren 20
Minuten ablöst, bringt wieder etwas Bewegung in die Leute. Er
redet über wirtschaftliche Fragen und bringt die Leute zum
spöttischen Lachen und zu Beifallskundgebungen. Er sagt offenbar
einiges über die über die Regierung, was den Leuten
gefällt.
Kurz vor 5 hat auch er
seine Rede beendet, und die Veranstaltung für heute zu Ende. Die
Menschen brechen auf, unverzüglich, aber ohne Hast. Die 5 Leute
hinter dem Tor lächeln den an ihnen vorbeiziehenden Menschen zu.
Aung San Suu Kyi winkt von Zeit zu Zeit, wenn sie jemand
wiedererkennt. Dann verschwinden die Köpfe.
Vor dem Tor bleiben einige
junge Leute, Ordner und andere. Die Ordner bringen Lautsprecher nach
draußen. Die anderen scheinen darauf zu warten, eingelassen zu
werden. Einige andere Teilnehmer an der Versammlung pressen ihre
Augen an den Zaun, der das Grundstück umgibt, um einen Blick in
das Innere zu erhaschen. Die Polizei räumt die Sperren weg. Nach
etwa einer Viertelstunde sieht es in der University Avenue so aus,
als sei nichts passiert.
Was war das für eine
Veranstaltung, an der ich da teilgenommen habe, frage ich mich. Eine
Mischung aus politischem Protest, Wallfahrt, Personality Show (oder
Show of Personality), Wahlveranstaltung und viel politischer
Volkshochschule, scheint mir. - Und wenn jedes Wochenende 10.000
Menschen hierherkommen, die weiteren 20.000 erzählen, was sie
gehört haben, dann werden dadurch in 50 Wochen 1.5 Millionen
Menschen erreicht. Und alles ohne öffentliche Bekanntmachung.
Der Taxifahrer, der mich
in mein Hotel zurückbringt, verlangt einen vernünftigen
Preis, um den nicht gehandelt werden muß.
Zwei
Tage nach meiner Rückkehr nach Bangkok, steht folgende Nachricht
in der Zeitung:
‘Fehlerhafter’
Waggon durchkreuzt Suu Kyis Reisepläne
Rangoon,
AP
Die
Führerin der birmanischen Unabhängigkeitsbewegung Aung San
Suu Kyi wurde gestern gezwungen, eine Reise in Birmas zweitgrößte
Stadt Mandalay abzusagen. Sie wollte dort an einem Prozeß gegen
vier ihrer Anhänger teilnehmen. Der Grund war ein technisches
Problem an dem Waggon, in dem sie einen Platz gebucht hatte.
Suu
Kyi und drei hochrangige Funktionäre ihrer Partei, der Natioalen
Liga für Demokratie (NLD), hatten Plätze in einem Abendzug
gebucht. Aber kurz bevor sie am Ranguner Bahnhof eintraf, teilte die
Eisenbahnbehörde mit, es gäbe ein technisches Problem an
diesem Waggon.
Der
Waggon wurde abgekoppelt, und der Rest des Zuges fuhr nach Mandalay
ab. „Das ist eine sehr lächerliche Situation“, sagte
sie Reportern, die am Bahnhof warteten, um sie zu verabschieden.
„Es
ist sehr gefährlich für Touristen mit der Bahn zu reisen,
weil die Waggons nicht sicher sind,“ scherzte sie, bevor sie in
ihr Haus zurückkehrte.
Die
geplante Fahrt nach Mandalay wäre ihre zweite Reise außerhalb
Ranguns gewesen, seit sie im Juli aus dem 6jährigen Hausarrest
entlassen wurde.
Anfang
Oktober letzten Jahres unternahm sie ihre erste Reise außerhalb
der Hauptstadt, als sie in den östlichen Karen-Staat reiste, um
dort einen verehrten Mönch in seinem Tempel zu besuchen.
Ranguner
Diplomaten sagten später, daß die Militärregierung
diese Reise mißbilligten, der von ihr als eine Herausforderung
betrachtet wurde.
Suu
Kyi Pressesekretär, Aye Win, teilte Reuter gestern vorher mit,
daß sie bei dem Prozeß gegen vier ihrer Anhänger als
Zeugin aussagen wollte. Es handelt sich bei allen um
Unterhaltungskünstler, die von den Behörden nach einem
Auftritt in Aung San Su Kyis Haus festgenommen worden waren.
Die
vor Gericht stehenden Entertainer, unter ihnen der Komiker Papa Lay,
wurden am 7. Januar von Agenten des Geheimdienstes festgenommen.
Drei
Tage zuvor hatten sie am Unabhängigkeitstag eine Vorstellung auf
dem Grundstück von Aung San Suu Kyis Haus gegeben, bei der sie
sich offensichtlich über die Militärregierung lustig
gemacht hatten.
Einige
Wochen später ist zu hören, daß - mindestens - zwei
der Angeklagten inzwischen verurteilt worden sind. Ich glaube, etwas
von 7 Jahren gelesen zu haben. Aung San Suu Kyi war es auch später
nicht möglich, den Prozeß zu besuchen.