Asien Afrika Institut
Arbeitsbereich für Sprachen und Kulturen des südostasiatischen Festlands
SS 2005 – Hans-Bernd Zöllner
Die Karen in Thailand und Birma (Veranstaltungsnummer: 10406)
Protokoll der 11. Sitzung vom 27.06.2005
Hans-Bernd Zöllner
Anmerkung zur Geschichte der Karen in Birma bis zum 2. Weltkrieg an Hand der folgenden Daten:
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Datum |
Ereignis |
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1825-1826 |
Mon und Karen unterstützen die britische Armee im 1. anglo-birmanischen Krieg gegen das birmanische Königreich in Ava. (Cady 73) |
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1830 |
Der amerikanische Missionar A. Judson (1788-1850), 1813 ins Land gekommen und während des Krieges in Ava inhaftiert, beginnt seine Missionarstätigkeit unter den Karen. Sieben Jahre später gibt es über 1000 getaufte Karen, [aber nur wenige christliche Birmanen]. (s. http://www.wholesomewords.org/missions/bjudson7.html) |
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1858 |
Ein Karen versucht in Pegu, als königlicher Führer die Briten aus dem Land zu jagen (Cady 90) |
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1881 |
Gründung der Karen National Association (KNA) durch christliche Sgaw-Karen (Cady 99); Ziel der Organisation: Die Einheit der Karen über religiöse und sprachliche Grenzen hinweg zu befördern. (Cady 138) |
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1886 |
Karen Soldaten, von Missionaren geleitet, unterstützen die Briten bei der Niederschlagung von Bandenaktivitäten der Birmanen nach dem Sturz des letzten birmanischen Königs (Cady 137-140) |
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1917 und 1920 |
Die KNA entsendet parallel zu den birmanischen Delegationen Abgesandte nach Kalkutta und London, um ihre Sicht des politischen Reformprozesses dazulegen. (Cady 370) |
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1921 |
The Burma Baptist Convention hält die neuen politischen Reformen in Richtu g auf Demokratie in Birma für übereinstimmend mit der christlichen Lehre (Cady 220) |
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1923 |
Im ersten „Parlament“ Birmas sind 5 von 80 Sitzen für die Karen reserviert, (Cady 243); [gewählt wird in Birma bis 1945 nur im „Flachland“] |
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1928 |
San C. Po fordert einen separaten Karen Staat - vorerst unter britischem Schutz (Cady 370-371) |
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1931 |
Karen-Soldaten unterstützen die Niederschlagung des Saya-San-Aufstandes (Cady 371-372) |
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1935 |
Im neuen Parlament eines von Indien unabhängigen Birma sind 12 Sitze (von 132) für die Karen reserviert. |
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1942 |
Vorfälle in Papun und Myaungmya |
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5.-7-2.1947 |
Verschiedene Karen-Organisationen schließen sich zur Karen National Union zusammen und verlangen von den Briten einen autonomen Staat (Smith 83-84) |
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01/04/47 |
Die Karan National Union boykottiert die Wahlen zur Verfassunggebenden Versammlung. |
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1949 |
Schlacht um Insei. Beginn des Bürgerkriegs |
Daten nach John F. Cady (1965), A History of Modern Burma. Ithaka, Cornell University Press. 3. Auflage
Es ist die Frage, was vor 1825 zwischen Birmanen und Karen passierte und was die Haltung von Karen im 1. anglo-birmanischen Krieg (und danach) erklärt. - Vor dem Eintreffen der Engländer in Südostasien gab es dort ein Spiel von Kräften, in dem die von Indien kommenden Europäer zuerst nur ein neuer Mitspieler waren, der dann aber die Regeln des Spiels maßgeblich beeinflusste, ohne diese Veränderungen unter Kontrolle zu haben. Es gab eine Anzahl kleiner und größerer Akteure, die in „Städten“ (muang; myo) zentriert waren. Ihr Bestreben war es, ein größtmögliches Maß an Unabhängigkeit und einen ebensolchen Einfluss auf andere Zentren zu haben. In der Praxis ergab sich daraus ein lebhaftes und stets im Fluss befindliches Zusammenspiel bestimmter Zentren, von denen zeitweise regionale „Großzentren`“ wie Pegu und Ayutthaya miteinander um die Vorherrschaft wetteiferten, während zu anderen Zeiten die Abwesenheit einer regionalen „Supermacht“ den lokalen Zentren einen großen Spielraum für eigene Entfaltung ermöglichte. - In dieses Spiel der Kräfte wurden auch jene Karen einbezogen, die in Kontakt mit den „Flachland-Kulturen“ Birmas und Siams kamen, die durch indo-buddhistische Traditionen geprägt waren. Ethnizität spielte dabei bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts keine vorrangige Rolle, da (nach Victor Liebermann (1978), „Ethnic Politics in Eighteenth Century Burma“, in: Journal of Asian Studies 12, 3: 455-482) vor allem drei Faktoren das Miteinander der handelnden Akteure bestimmten:
Die Qualität der vertikalen patron-client-Beziehungen;
die Qualität des kamma eines königlichen Herrschers;
eine regionale, keine universale Ausrichtung der Politik.
Ethnizität ist daher als eine politisch wichtige Kategorie erst im Rückblick auf die Ereignisse eingeführt worden, nachdem die Engländer (anderswo Franzosen, Holländer etc.) als ein neuer Mitspieler die Bühne Südostasiens betrat, für die die oben genannten drei Faktoren keine Rolle spielten. Für die aufgeklärten Europäer am Beginn des 19. Jahrhunderts waren wichtig
das Prinzip der horizontalen Gleichheit im Prinzip aller (mündigen, also gebildeten) Menschen;
das Kriterium der rationalen Effektivität von Herrschaft;
ein universaler Horizont von Politik („das Reich, in dem die Sonne nicht untergeht).
Die in der Tabelle genannten Daten machen eine (gegenseitige) Unterstützung von Briten/Missionaren auf der einen und Karen auf der anderen Seite deutlich. Dabei waren Karen einerseits die „Klienten“ der britischen Herren, zum anderen durch christliche-abendländische Bildung in ihrem Selbstbewusstsein zu gleichberechtigten Partnern von Birmanen und Briten (wie der ganzen Menschheit). Diese Gleichheit ließ sich nur formulieren, wenn sich die Karen als Angehörige einer (potentiellen) Nation verstanden. Das belegt die Gründung der KNA im Jahre 1881, die auf eine Überwindung der religiösen und ethnischen Zersplitterung der Karen zielte. - Dies war eine schwer vermeidbare Entwicklung jenseits einer bewussten divide-et-impera-Politik auf Seiten der Briten und einer „Ausnutzung“ britischer Macht für Karen-Interessen. - Die Birmanen durchliefen – parallel zu den Karen! (organisatorisch übrigens erst später) - den Prozess der Entwicklung einer nationalen Identität. In der turbulenten Kriegssituation von 1942 trafen somit Angehörige zweier „Ethnien“ aufeinander, die beide Nationalisten waren, also Anhänger desselben von Europa ausgegangenen Konzepts. - Die Annahmen der Karen, dass sie „schon immer“ von den Birmanen unterdrückt worden seien und die der Birmanen, dass die Karen die fixe Idee eines ihnen fehlenden „Lebensraums“ hätten, lassen sich als nationalistische Projektionen zur Stärkung der eigenen Identität sehen.
Der in der Tabelle erwähnte Vorfall von 1858 weist darauf hin, dass unter den Karen auch Traditionen wirksam waren, die denen der Birmanen und Siamesen ähnelten, indem sie politische Führung an die kamma-Qualität banden. Innerhalb der Karen sind also mindestens drei Formen von Legitimation von Führung zu finden, die sich sowohl überlagern wie auch in Konkurrenz zueinander stehen und sich grob drei Ebenen zuordnen lassen: lokale dörfliche Stammestraditionen, regionale buddhistische Herrschaftstraditionen, universale christliche Ansprüche auf Gleichheit und Gerechtigkeit.
Im Vergleich zur Geschichte der Karen in Thailand ergibt sich: In Birma entwickelte sich sehr früh eine Organisation von Karen (nicht den Karen!) mit dem Ziel, Angehörige der Karen zu einem nationalen Verbund zu vereinigen. In Thailand dagegen wurden die Karen vom thailändischen Nationalstaat aufgesogen. Dieser Unterschied erklärt sich zum Teil daraus, dass es in Birma viel mehr Karen gibt. Vor allem aber ist die Kolonialisierung und der Versuch einer Missionierung Birmas zu nennen. Beides eröffnete Karen die Möglichkeit, sich als Gegenüber zu den Birmanen zu positionieren und die Idee einer eigenen nationalen Identität zu entwickeln, die sich grundlegend von der birmanischen unterschied. Diese Identität wurde in die Vergangenheit zurück projiziert. Ihre Vollendung in der Gründung eines eigenen Nationalstaates wurde (und wird) von der Zukunft erhofft, wenn dafür ausdauernd gekämpft wird. Dass die Realisierung eines solchen Projektes nicht möglich ist, macht das Schicksal vieler Karen in Thailand wie Myanmar, die unter ihrer Identität zu leiden haben, zu einer tragischen Folge der birmanischen Geschichte.