Auf dieser Seite gibt es aktuelle Information aus und zu den Themen dieser Homepage und einige Hinweise auf meine Aktivitäten und Gedanken. Die neuesten Meldungen kommen zuerst, beim Runterscrollen geht es dann zurück in die Vergangenheit. Die Angaben beginnen Anfang März 2014 mit dem Besuch von Bundespräsident Gauck in Myanmar.

27. September - Einladung zum Gespräch

Übermorgen fliege ich wieder nach Myanmar, um dort eine Reihe von Projekten weiter zu verfolgen - und natürlich auch, um mir ein Bild von der aktuellen Stimmung imLande zu machen. Davor habe ich versucht, meine Auseinandersetzung mit NDR und DLF zu einem vorläufigen Ende zu bringen. Es folgt mein Antwortschreiben auf die Mail des NDR-Fernseh-Chefredakteure. Gleichzeitig habe ich die bisher auch hier zu findenden Materialien an den Vorsitzenden des Rundfunkrates geschickt, nachdem ich - in Unkenntnis der Zuständigkeiten - Infos an eine Gräfin geschickt hatte, Dagmar Gräfin Kerssenbrock, die Vorsitzende des Verwaltungsrats des NDR. - Es ist nicht so leicht, sich hier wie dort im Dschungel zurecht zu finden.

 

Hier nun die Einladung zum Gespräch an Herrn Cichowicz:

 

 

Herrn

 

Andreas Cichowicz,

 

Chefredakteur des NDR-Fernsehens

 

Hugh-Greene-Weg 1
22529 Hamburg

 

 

 

Nachrichtlich an Herrn Intendanten Lutz Marmor

 

 

 

 

 

Betr.: Myanmar & Aung San Suu Kyi

 

 

 

Sehr geehrter Herr Cichowicz,

 

besten Dank für Ihre gestrige Mail, die mich nicht sonderlich zufriedengestellt hat. Es ist schön zu hören, dass Sie etwas von mir gelesen haben, aber auch beschämend, weil es mir zeigt, dass ich mich da so unzulänglich ausgedrückt habe, dass meine Analysen Sie nicht überzeugt haben.

 

Ansonsten gehen Sie bemerkenswert souverän mit meiner Kritik um, indem sie auf meine einzelnen Bemerkungen gar nicht eingehen. Das scheint beim NDR eine Art Virus zu sein – Herr Senzel in Singapur hat auf meine Kritik ähnlich erhaben reagiert. Könnte es sein, dass die Feudalzeit in Ihrem Hause noch nicht ganz verarbeitet ist?

 

Zur Sache: Es mir nicht um eine verschiedene Bewertung der Fakten, sondern um die Fakten selbst. Ich habe auch nichts gegen Ihre Meinung, wenn Sie sie privat vortragen. Als leitender Mitarbeiter einer öffentlich-rechtlichen Anstalt erwarte ich aber von Ihnen, dass solche Meinungen auch sachlich begründet sind. Dass die Verleihung des Friedensnobelpreises, um den sie sich nie beworben hat, sie zu irgendetwas verpflichten würde, was Preisverleiher und Sympathisanten in ihrer Unkenntnis der Sachlage erwartet haben, ist m.E. sachlich völlig unbegründet.

 

Ich möchte Ihnen daher den Vorschlag machen, ine Sendung produzieren lassen, in der das komplexe Fakten-Berwertungs-Syndrom in und um Myanmar aufgedröselt und den Zuschauern einigermaßen verständlich gemacht wird. Ich bin gerne dazu bereit, dabei mitzuwirken und könnte mir auch ein kurzes Streitgespräch mit Ihnen sehr gut vorstellen. ZAPP erhält auch von diesem Brief eine Kopie

 

Mit freundlichen Grüßen

 

gez. Hans-Bernd Zöllner

 


 

26. September - Eine fürstliche Antwort

Heute trifft per Mail eine Antwort des Chefredakreurs des NDR auf meine Beschwerde über seinen Kommentar vom 15. des Monats ein. Sie bestätigt meinen Eindruck, dass die Medienfürsten mit sich sehr zufrieden sind und die Fähigkeit zur Selbstkritik beim Betreten ihres Arbeitsplatzes irgendwo abgegeben haben.

Sehr geehrter Herr Zöllner,
Danke für Ihre Mails vom 15.09.2017 an den Intendanten des Norddeutschen Rundfunks, Lutz Marmor, und an mich. Sie kritisieren meinen Kommentar in den „Tagesthemen“ vom 14.09.2017 zur aktuellen Entwicklung in Myanmar und der Rolle von Aung San Suu Kyi.
Ich verfolge und wertschätze Ihre publizistische Arbeit seit Jahren und habe einige Ihrer Veröffentlichungen gelesen. Auch ich habe das Land besucht und selbst ein Interview mit Aung San Suu Kyi geführt. Deshalb sind mir die von Ihnen geschilderten Hintergründe sehr wohl bewusst. Dazu gehört die Tatsache, dass Aung San Suu Kyi sich in einer politischen Abhängigkeit vom Militär befindet. Einige der von Ihnen genannten Aspekte habe ich im Kommentar angesprochen. Der Kommentar ersetzt aber nicht den Bericht, sondern ist eine ergänzende Bewertung und Meinungsäußerung.
In der Bewertung der Fakten scheinen wir unterschiedlicher Auffassung zu sein. Ich bin der Meinung, dass sie dennoch ihre Stimme hätte erheben müssen und dass der Friedensnobelpreis sie dazu verpflichtet, auch Lösungen in persönlich schwierigen Konstellationen zu suchen. Mittlerweile ist dies ja zumindest teilweise erfolgt.
Sie müssen diese, meine Meinung nicht teilen. Das akzeptiere ich. Bitte haben Sie im Gegenzug dafür Verständnis, dass die Meinungsfreiheit gerade in einem Kommentar ihren Ausdruck findet.
Ich danke Ihnen für Ihre Kritik.
Mit freundlichen Grüßen
Andreas Cichowicz
Chefredakteur Fernsehen / Stv. Programmdirektor

Editor-in-Chief / NDR Zeitgeschehen
Hugh-Greene-Weg 1
22529 Hamburg / Germany
follow me on twitter: @ACichowicz

22. September - Die Rohinga Tragödie, Kurze Zwischenbilanz

Heute erscheint das mit mir geführte Interview mit der Redakteurin in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung. Ich bin einigermaßen zufrieden und erhalte per Mail ein paar anerkennende Klopfer auf die Schulter. Nach der Rede Suu Kyis und den Reaktionen darauf scheint das Thema in den Medien erst einmal erledigt, ein Beleg für meine These, dass die veröffentlichte Meinung gar nicht anders kann als nur vordergründig über eine Krise zu berichten, zu der es dramatische und emotionalisierende Nachrichten und Bilder gibt. Die Berichterstattung über die Tragödie der Betroffenen wird verschoben bis es wieder öffentlichwirksame Nachrichten des Dramas gibt. Das alles ist tragisch, weil es so unvermeidlich ist.

Zwischendurch fällt mir die Frage ein, was an Vampiren so attraktiv ist. Meine Begegnungen mit den Medien haben mir zeitweise das Gefühl vermittelt, ich würde mich da ganz freiwillig aussaugen lasse. Eitelkeit ist im Spiel, wohl auch in Gestalt der Fantasie, man könne das Medien-Monster überwinden, was natürlich ganz und gar lächerlich ist.

19. September - Die Rohingya Tragödie, Teil 3

In den letzten Tagen habe ich das eine oder andere Interview gegeben. Einmal war ich richtig zufrieden, sonst eher nicht. Gestern habe ich einen Termin für heute verabredet, in dem es um die Rolle von Aung San Suu Kyi gehen soll. Davor habe ich zur Warnung meinen Brief an den NDR-Chefredakteur an den Anfrager geschickt. Das hat ihn nicht abgeschreckt. Die erste Meldung in den Neun-Uhr-Nachrichten meines Liebelingssenders in den Morgennachrichten höre ich, dass Aung San Suu eine Rede zur Rohingya Krise gehalten und die gegen Angehörige der Gruppe ausgeübte Gewalt verurteilt habe.

Ich finde die Rede in voller Länge - 25 Minuten - im Internet und auch die ersten Kommentare. Die Rede wird auf Englisch vor Angehörigen des diplomatischen Corps gehalten und zeigt, dass die in den Nachrichten ausgestrahlte Meldung mehr falsch als richtig war: Aung San Suu Kyi verurteilt ganz allgemein jegliche Gewalt auf der ganzen Welt ohne auf die Vorwürfe gegen das Militär des Landes einzugehen und kündigt an, dass jeder bestraft werden würde, dem Verstöße gegen die Humanität nachgewiesen würde.

Dann sagt sie einige erstaunliche Dinge. 50% der Rohingya-Dörfer seien intakt, da müsse man auch nachfragen, was da positiv gelaufen sei. Die Gesundheitsversorgung sei gut und Muslime hätten ungehinderten Zugang zu Einrichtungen höherer Bildung. Die jetzt Geflüchteten könnten wieder zurückkheren, müssten sich aber dem Verfahren unterziehen, das 1993 bei der letzten großen Fluchtbewegung angewandt worden sei. Seit dem 5. September gäbe es keine "clearance operations" mehr, also Aktionen des Militärs gegen Rebellen und ihre vermuteten Helfer.

Die Kommentare signalisieren Enttäuschung. Birmanen jubeln ihrer Heldin auf Plätzen zu, auf denen die Rede auf großen Leinwänden zu sehen war. "Wir stehen zu Dir, Mutter Suu" ist der Tenor. Es ist kaum anzunehmen, dass die Zuschauer ihren Ausführungen folgen können. Es geht um eine emotionale Solidaisierung mit der Führerin während den Kommentaren um eine ebenso emotiale Kritik an ihr geht.

Die Rede selbst ist typisch für Aung San Suu Kyi, wenn auch eine sprachliche Holpler auffallen: Sie ist selbstbewusst und auf Vorwärtsverteigung ausgerichtet. Ja, unsere junge Demokratie hat eine Menge Probleme, aber die packen wir an - und dazu brauchen wir Eure Hilfe, Ihr Vertreter der internationalen Gemeinschaft. Mir fällt auf, dass es eine Parallele zu ihrer ersten Initiative in Richtung der internationalen Gemeinschaft war: Vor fast genau 19 Jahren schrieb sie einen Brief an die ausländischen Botschafter ihres Landes und klagte das Militär an. Nun wird sie angeklagt, Partnerin und damit Gefangene des Militärs zu sein.

Unter den morgenlichen Mails ist dann eine vom ZDF-Studio Singapur. Ob ich Zeit für ein Interview habe? Doch, maile ich zurück, aber ich habe heute schon eine Reihe anderer Interview-Verabredungen. Wenns zeitlich möglich ist, stehe ich gerne zur Verfügung. Die Interviews wurden von Radio Bremen und dem Hessischen Rundfunk angefragt. In Bremen soll ich zur Rolle Aung San Suu Kyis etwas sagen und dazu am besten ins Studio Hamburg kommen, wege der besseren Tonqualität. Gerne, sage ich, wenn dafür erwähnt wird, dass ich zusammen mit einem Journalisten von der Deutschen Welle eine politische Biographie über Aung San Suu Kyi geschrieben habe. Kein Problem, wird mir gesagt. Am Abend soll es dann im hessischen Rundfunk eine Themensendung unter dem reißerischen Titel "Mord im Namen Buddhas" gehen. Da soll auch ich interviewt werden.

Dann kommt noch der Südwestfunk mit einer Anfrage und der Anruf einer Dame von der Süddeutschen Zeitung, die etwas über die Herkunft der Rohingyas ermitteln soll. Dem Scout des Rundfunks erkläre ich, dass ich vor einem Gespräch gerne mit dem/rjenigen reden möchte, die/der das Interview führt. Ich nenne ihm ein Zeitfenster zwischen einem Vorspräch mit dem hessischen Rundfunk und meiner Fahrt ins NDR-Studio.

Das Gespräch mit der Mitarbeiterin der Süddeutschen ist lang und quälend. Ich habe den Eindruck, dass sie von mir nur Details wissen möchte, die ihre vorgefasste Meinung über die Schuldigen an dem gerade stattfindenen Drama bestätigen. Das Motiv kenne ich schon aus vielen anderen Begegnungen mit Journalisten. Es geht im Kern um die Glaubwürdigkeit der Nachrichten über die aktuelle Krise. Ich erkläre, dass ich Gründe habe, an ihnen zu zweifeln, woher sie auch kommen. Sie glaubt dem, was die Agenturen melden, und stellt Fragen, die zu beantworten ich mich eigentlich weigern sollte: Warum sollte ein Rohingya-Advokat ein Interesse daran haben, Gräueltaten des birmanischen Militärs in die Welt zu setzen, die so nicht stattgefunden haben? Nach einer guten halben Stunde gibt sie auf und verspricht, mir den Text des Interviews später zuzusenden. Ich habe auch Zweifel, ob ich dazu beitragen konnte, ihr Grundmotiv von "Schuld und Sühne" in dieser Tragödie zu erschüttern.

Dann kommt kurz die Redakteurin des Südwestfunks mit einem Anruf, den ich für das abgesprochene Vorgespräch halte. Ich merke gleich an ihrer ersten Frage, dass es sich hier offenbar schon um den "Ernstfall" handelt. Sie zitiert einige jüngste Meldungen in einem Ton, der mir mittlerweile wie der einer Staatsanwaltschaft vorkommt. Die sich daran anschließende Frage ist dann, ob Aung San Suu Kyis Stellungnahme heute nicht zu spät gekommen sei. Ich antworte sinngemäß, dass mir die Kompetenz fehlt, darüber zu urteilen, außerdem habe sie sich schon früher geäußert. Wir reden noch einige weitere Minuten aneinander vorbei, sie dankt und meint, sie würden sich melden, wenn es noch weitere Fragenb gäbe.

Die Sache mit dem ZDF hat sich erledigt, stellt sich zwischendurch heraus. Man hat in Singapur umgeplant, kommt aber vielleicht später noch einmal auf mich zu. Ich antworte mit der Zusendung meines Briefes an den NDR-Chefredakteur, als Warnung.

Mit meinem Interview mit Radio Bremen bin ich einigermaßen zufrieden, ebenso wie mit dem am Abend in der Themensendung. Ich habe mich mittlerweile fast daran gewöhnt, dass die Meldungen des Tages ungenau sind, also wenn in dem Beitrag des NDR-Korrespondenten in Singapur von einer "Fernsehansprache" Aung San Suu Kyis die Rede ist, was dann in der Tagesschau wiederholt wird. Damit wird der Eindruck erweckt, als hätte sie sich direkt an ihr Volk gewandt, während sie sich in Wahrheit die internationale Öffentlichkeit zur Brust genommen hat.

 

Anhänger Aung San Suu Kyis am 19. September im Zentrum Yangons (rechts: Das Rathaus; im Hintergrund: die Sule Pagode)
Anhänger Aung San Suu Kyis am 19. September im Zentrum Yangons (rechts: Das Rathaus; im Hintergrund: die Sule Pagode)

14. September 2017 - Die Rohingya-Tragöde, Teil 2

Die Tragödie nimmt seinen Fortgang, sowohl an der Grenze zwischen Myanmar und Bangldesch wie auch in den Medien. Heutiger Höhepunkt: Der Kommentar des Chefredakteurs des NDR in den heutigen Tagesthemen. (https://www.youtube.com/watch?v=UTMG2FL3CM8) Er bringt mich dazu, meinen Plan, kurz nach 11 ins Bett zu gehen, und einen Protestbrief zu entwerfen. Den überarbeite ich dann am nächsten Tag, schicke ihn zum Gegenlesen an einen Freund, der mir empfiehlt, ihn noch etwas zuzuspitzen, drucke ihn aus und stecke ihn in den Briefkasten. Hinterher schicke ich Kopien an die Mitglieder des Verwaltungsrats des NDR, seinen Intendanten und an einige Medien. Hier ist er:

 

 

Herrn

Andreas Cichowicz,

Chefredakteur des NDR-Fernsehens

Hugh-Greene-Weg 1
22529 Hamburg

 

 

Betr.: Ihr Kommentar in den Tagesthemen vom 14. September, die Lage in Myanmar betreffend

 

Sehr geehrter Herr Cichowicz,

 

Ihre gestrigen Ausführungen zur Rolle Aung San Suu Kyis angesichts der aktuellen Lage in Myanmar (https://www.youtube.com/watch?v=UTMG2FL3CM8) haben mich einigermaßen erschüttert.

 

Sie sprechen in dem Kommentar über eine vielschichtige menschliche Tragödie wie der sprichwörtliche Blinde von der Farbe. Das Ergebnis ist eine Schwarz-Weiß-Darstellung, in der sogar die Aspekte der Problematik außer Acht gelassen werden, die in dem Ihrem Kommentar vorausgehenden Bericht der wackeren ARD-Korrespondentin zur Sprache kamen.

Das ist nicht nur ignorant, sondern arrogant und geeignet, Öl in brennendes Feuer zu gießen.

Hier einige Fakten zu einem sehr unübersichtlichen Konflikt:

Auslöser – nicht Ursache - der jetzigen Fluchtbewegung sind die Überfälle einer islamischen „Heilsarmee“ (salvation army) auf etwa 30 Polizeistationen auf dem Boden Myanmars an der Grenze zu Bangladesch.

Die Überfälle fanden zeitgleich mit der Veröffentlichung des Abschlussberichtes einer Kommission unter Leitung des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan statt. Der Bericht machte Vorschläge, die zu einer Verminderung der Konflikte zwischen Buddhisten und Muslimen im Rakhine Staat beitragen sollten. Die Kommission hatte Aung San Suu Kyi auf den Weg gebracht, und zwar gegen den Protest zahlreicher Landsleute.

Der Konflikt ist ein Relikt der Kolonialzeit und deswegen alles andere als nur das alleinige Problem des heutigen Myanmar.

Die Mehrheit der Bevölkerung des Landes ist der Meinung, dass die „Rohingyas“ nicht selbstverständlich Staatsbürger Myanmars sind. Diese Meinung kann sich auf das Staatsbürgerrecht berufen, das es seit der Unabhängigkeit Birmas im Jahr 1948 gibt. Die Bevölkerung hat Aung San Suu Kyis Partei bei den Wahlen von 2015 einen überwältigenden Sieg verschafft. Eine Ursache des Wahlsieges: Unter den vielen Kandidaten der Partei war kein einziger Muslim.

Aung San Suu Kyi hat sich nicht um das Amt einer Demokratie- und Menschenrechts- Ikone beworben. Ihr diese Rolle zugeschrieben wurde. Dabei haben die westlichen Medien unter Beteiligung der öffentlich-rechtlichen Sender in der Bundesrepublik maßgeblich mitgewirkt. Das Ergebnis war das Klischee von der „Schönen und dem Biest“, die sich in Myanmar in Gestalt von Aung San Suu Kyi und der Militärführung als Exponenten des Vorbildhaft-Guten und Abgrundtief-Bösen gegenüberstehen. Seit ihrem Eintreten in die birmanische Realpolitik vor einigen Jahren hat sie sich mehrfach gegen diese Zuschreibung gewehrt. Sie hat immer die Notwendigkeit des Dialogs mit dem von ihrem Vater begründeten Militär betont.

Fluchtbewegungen wie die momentan stattfindende hat es schon Ende der 1970er und Anfang der 1990er Jahre gegeben. Die meisten Flüchtlinge – es waren jeweils Hunderttausende – sind wieder zurückgekehrt. Die damaligen Regierungen Myanmars, mit denen die Rückkehr ausgehandelt wurden, waren vom Militär dominiert.

Die westlichen Medien haben den lange schwelenden Konflikt zwischen Buddhisten und Muslimen in ganz Myanmar über Jahrzehnte hinweg ignoriert und sind daher nicht sonderlich sachkundig.

Auf diesem Hintergrund hat Ihr Fazit, Aung San Suu Kyi sei eine Marionette des Militärs, mit der Realität wenig zu tun und ist zudem eine Unverschämtheit. Aung San Suu Kyi ist eher eine Gefangene ihres Volkes, für dessen Befreiung von der Bevormundung durch das Militär sie sich ihr Leben lang eingesetzt hat. Die höchste moralische Autorität im Lande haben die Mönche, von denen einer ja in dem Bericht von Frau Ratzow zu Wort kam. Im buddhistischen Myanmar geben sie auch vor, was politisch korrekt ist.

Auf diesem Hintergrund ist die von Ihnen ausgesprochen „Enttäuschung“ über Aung San Suu Kyis jetziges Verhalten eine Folge der völlig realitätsfernen früheren Idealisierung ihrer Person durch Sie und viele andere. Nun folgt die ebenso realitätsferne radikale und in manchen anderen Kommentaren geradezu hämische Abwertung. Die von Ihnen angedeutete Unterstellung, dass Aung San Suu Kyis höchstes Ziel sei, einmal Präsidentin zu werden statt den Menschen ihres Landes zu helfen, erinnert an die Reaktion eines enttäuschten Liebhabers.

Das alles finde ich im Blick auf Ihre Position als Chefredakteur peinlich, aber nicht so schlimm. Wirklich dramatisch ist etwas anderes: Sie tragen mit der Moralisierung und Emotionalisierung eines ohnehin aufgeheizten Konfliktes dazu bei, die Tragödie der betroffenen Muslime zu verlängern. In dem von Ihnen vorgenommenen radikalen Umschlag von einem früheren „Hosianna“ zu einem heutigen „Kreuziget sie“ verlieren Sie die aus dem Blick, die unter den jetzigen Umständen leiden und deren Wohl Ihnen vorgeblich am Herzen liegt. Die Flüchtenden haben humanitäre Hilfe nötig und und die geduldige Suche nach Lösungen, die ihnen in Zukunft die Aussicht auf ein gesichertes Leben geben. Der erwähnte Bericht von Kofi Annan enthält dazu eine Menge Vorschläge.

Statt diesen Bericht und andere Initiativen auch nur zu erwähnen, stimmen Sie in den Chor derjenigen ein, die auf die Tragödie der Muslime in Rakhine mit Schuldzuweisungen antworten. Sie heben dabei den moralischen Zeigefinger und garnieren Ihre Attacke mit dem Zitat eines Nobelpreisträgers. Hier trifft der Spruch eines ehemaligen Bundespräsidenten zu: Drei Finger der Hand, die den Zeigefinger erhoben hat, weisen auf den zurück, der ihn ausgestreckt hat.

Mit freundlichen Grüßen

gez. Hans-Bernd Zöllner

 

7.  September 2017 - Die Rohingya Tragödie, Teil 1

 

Das Totenschiff – Die Tragödien der Rohingyas (Eine Momentaufnahme)

 

Einleitung

 

Alle Bücher haben eine Entstehungsgeschichte. Die für dieses Buch geht ungefähr so:

 

Am Morgen des 7. September 2017, einem Donnerstag, wurde ich um 6.50 im Deutschlandradio zum Thema „Rohingyas“ interviewt. Am Vortag hatte mich ein Mitarbeiter des Senders gefragt, ob ich da Zeit für ein Interview hätte. Ich sei dort als Experte bekannt und man wolle zur Prime Time etwas über die Hintergründe der jüngsten Eskalation des Konfliktes in Myanmar wissen. Hunderttausende seien ja auf der Flucht und man habe für dies wichtige Thema acht Minuten Sendezeit vorgesehen. Ich fühlte mich geschmeichelt, fand das Zeitkontingent vergleichsweise üppig, warnte den Anrufen aber, dass ich zu dem Thema einige abweichende Ansichten hätte und mit der Berichterstattung über Myanmar generell nicht einverstanden sei. Ich hätte dem Intendanten gerade einen Beschwerdebrief über die vom Sender ausgestrahlten Beiträge des ARD-Korrespondenten in Singapur zugeschickt.

Kein Problem, sagte er, man wolle ja informieren und die Redakteurin, die am folgenden Morgen das Interview führen würde, habe sich in das Thema schon eingearbeitet. Schön sagte ich, aber es sei vielleicht doch gut, wie ein wenig genauer vorzuwarnen. Ich sei gerade dabei, den Text eines befreundeten Mitarbeiters der Deutschen Welle zum Thema zu überarbeiten. Ich könne ihm und der Redakteurin den Text zuschicken, dann würden sie eine Ahnung bekommen, wie komplex und schwierig die ganze Geschichte sei. Wunderbar, sagte er, diktierte mir seine Mailadresse und bedankte sich später für die Zusendung des sehr „bunten“ Textes, dessen verschiedene Farben deutlich machen konnten, dass die mühselige Geschichte der Rohingyas mit der Mühsal korrelierte diese Geschichte angemessen zu beschreiben. Unter anderem war darin erwähnt, dass schon 1977 und 1992 über 200.000 Muslime aus Rakhine, dem westlichen Staats der Union von Myanmar, nach Bangledesch geflohen seien – und danach zum größten Teil wieder zurückkehrten.

Einen guten Teil des Nachmittags und Abends brachte ich damit zu, mir eine guten Einstieg in das Interview zurecht zu lagen. Eines der vielen Probleme der traurigen Geschichte der mit dem Begriff „Rohingyas“ bezeichneten Menschen ist ja, dass das Wort "Rohingya" von den Konfliktparteien sehr unterschiedlich interpretiert wird. In Myanmar ist er für die meisten Bewohner ein Unwort, die „Rohingyas“ gelten als Nachfahren illegaler Einwanderer, solange sie mit Hilfe des geltenden Staatsbürgerrechts nicht das Gegenteil bewiesen haben. In Bangladesch, wohin viele Menschen gerade wieder fliehen, ist der Name gebräuchlich, aber als Bezeichnung für eine Volksgruppe, die ins Nachbarland gehört.

Um den Zuhörern am nächsten Morgen eine Vorstellung von der traurigen Lage der mit dem umstrittenen Wort bezeichneten Menschen zu geben, entschloss ich mich zu einigen einführenden Sätzen, in denen ich das Kernproblem mit dem Begriff der Staatenlosigkeit verständlich zu machen versuchte. Die Zahl von etwa 1,5 Millionen staatenloser Muslime, ungleichmäßig verteilt auf viele Länder – gut eine Million in Myanmar, eine gerade wachsende Zahl von 200 bis 300.000 in Bangladesch und viele andere woanders, etwa einige Tausende in Gefängnissen in Saudi Arabien: Das müsste das tief reichende Elend dieser Menschen eindrucksvoll nachvollziehbar machen. Ein Volk ohne anerkannte Identität ist ein Un-Volk, da seine Angehörigen keine gültigen Ausweispapiere haben. Wer sich aber nicht ausweisen kann, der ist denen ausgeliefert, die ihn jederzeit ausweisen können. Dann fiel mir allerdings ein, dass das ein hübsches Wortspiel sei, aber schon sehr abgehoben und abstrakt. Könnte man eine Metapher finden, die das Grundproblem der Rohingyas so vermittelte, das es gewissermaßen unter die Haut ging und einen sowohl intellektuellen wie emotionalen Aha-Effekt auslöste?

Und da fiel mir das „Totenschiff“ ein, der 1926 veröffentlichte bekannteste Roman von B. Traven, dem geheimnisumwobenen deutschen Schriftsteller, der am Beispiel eines amerikanischen Seemanns erzählt, dass ein Mensch ohne Ausweis zum Spielball brutaler fremder Mächte wird. Und war der Film nicht auch mit Horst Buchholz, Mario Adorf und – ja!! - Elke Sommer verfilmt worden? Das war es: Die Rohingyas als Passagiere eines riesigen virtuellen Totenschiffs, das dem Untergang geweiht ist, wenn nicht ein Wunder geschieht. - Mit diesem eindrucksvollen Gedanken schlief ich einigermaßen beruhigt ein.

Am nächsten Morgen stand ich früh auf, versuchte mich mit zwei Kaffees auf Interview-Achtsamkeits-Niveau zu bringen und blätterte noch ein wenig im Internet, um auch noch einige konkrete Details parat zu haben, falls nötig. Pünktlich um Viertel vor sieben kam der Anruf meines gestrigen Gesprächspartners, der mir mitteilte, gleich würde sich die Interviewerin bei mir melden. Das tat sie dann auch, bedankte sich für den differenzierten Text von gestern und kommentierte ihn mit dem Satz, ich solle doch an die Hörer denken. Tue ich, sagte ich und dann ging es los. (Das folgende ist meine Erinnerung an das Interview, das sich mit der Realität möglichweise nicht deckt. Das Original kann hier angehört werden.)

Schon in ihrer Einleitung merkte ich, dass ich doch wohl auf dem falschen Dampfer gelandet war, sozusagen. Die neuesten Nachrichten wurden kurz und ziemlich zackig zitiert: Der Konflikt sei „uralt“, er dauere schon Jahrzehnte, es habe angeblich einen Angriff von Rebellen auf Sicherheitskräfte Myanmars gegeben, das Militär habe eingegriffen, daraufhin seinen jetzt mehr als 100.000 Rohingyas auf der Flucht, Menschenrechtsorganisationen berichteten von Gräueltaten, Aung San Suu Kyi spräche von einem „Eisberg an Lügen“. Und dann die Frage an mich, den Südostasienexperten, wie ich die Lage sehe.

Ich hatte den Impuls, zuerst darauf hinzuweisen, dass der Konflikt tatsächlich „uralt“ sei, weil er mindestens auf das Ende des 18. Jahrhunderts zurückgehe, dass die tödlichen Überfälle der Rebellen wohl ziemlich sicher stattgefunden hätten und zwar zum zweiten Mal nach Oktober letzten Jahres und dass die Kommentare der Menschenrechtsorganisationen und Aung San Suu Kyis auf das Elend hinwiesen, dass es keinerlei unabhängige Berichterstattung über die Dinge gäbe. Aber ich beschränkte mich darauf, die Frage nach meiner Sicht der Lage zu beantworten und meinen eingeübten Text loszuwerden.

Die Lage sei dramatisch, antwortete ich, die zyklische Wiederkehr einer humanitären Tragödie, deren Ursache das Phänomen der Staatenlosigkeit sei. Und wie tragisch das sei, könne man an dem Buch vom Totenschiff sehen, das vielleicht bei dem einen oder anderen Hörer im Bücherregal stehen würde. Bevor ich weiter reden konnte, kam die Frage, warum denn die Regierung den Rohingyas, die doch schon so lange im Lande lebten, nicht einfach die Staatsbürgerschaft zuerkenne. Das Problem sei, versuchte ich zu antworten, dass das nicht so einfach sei, weil es Gesetze gäbe, die definierten, dass nur solche Menschen ohne weiteres als Staatsbürger anerkannt würden, die schon vor 1823, also dem Beginn er Kolonialzeit im Lande gewohnt hätten. Das klinge für unsere Ohren absurd, sei aber seit der Unabhängigkeit ein Fakt.

Danach war mir klar, dass wir uns verheddert hatten. Die Interviewerin ging nicht auf meine Bemerkungen ein, ich war nicht schlagfertig genug, die Frage, ob die Birmanen die Muslime als „Menschen zweiter Klasse“ betrachteten, damit zu beantworten, dass man sie als Menschen erster Klasse ansehen würden – solange sie nicht den Anspruch hätten, ohne weiteres die Staatsbürgerschaft zu beanspruchen. Ich verwies – immerhin, denke ich rückblickend – darauf, dass eine gewisse Fremdenfeindlichkeit ja auch bei uns zu bemerken sei, vergaß aber zu erwähnen, dass Aung San Suu Kyi mit ihrer Meinung ganz "demokratisch" die Ansichten der Mehrheit der Wähler repräsentiere, die ihre Partei und sie an die Regierung gebracht hätten. Dann fiel von ihrer Seite das Wort „Moral“, worauf ich nicht einging. Ich hatte das Gefühl, das Interview könne in ein Streitso  zu formulieren, dass menschliche Tragödien Emotionen wecken würden, dass es aber nötig sei, sich erst einmal die Ursachen der Konflikte klar zu machen und – so ungefähr mein Schlusssatz – dasss es Probleme gäbe, die sich eben nicht lösen ließen - man schaue nur nach Palästina. Ende des Interviews. Sie dankte mir, ich dankte zurück.

Ich war nach dem Interview sehr unzufrieden mit mir. Ich hätte mich für das Interview gar nicht zur Verfügung stellen dürfen, fiel mir ein. Ich hätte aus Erfahrung wissen können, dass das Format, auf das ich mich aus Eitelkeit eingelassen hatte, nicht funktionieren würde. Es macht keinen Sinn, ein langes Vorgespräch mit jemand zu führen, der hinterher nicht auch beim Interview am Mikrophon sitzt. Die überforderte Moderatorin muss da ein Thema nach dem anderen abarbeiten und orientiert sich an seinen Stichworten, die der Mainstream-Berichterstattung entnommen sind. Das konnte nicht gut gehen, dumm gelaufen.

Ich war also frustriert, erinnerte mich dann aber an die Bemerkung einer klugen Frau, die ich gestern aufgeschnappt hatte: Reframing sei heutzutage angesagt, das Umdeuten von unangenehmen Erfahrungen.

Also beschloss ich, ein neues Buchprojekt zu starten mit dem Titel, auf den ich ohne dies ziemlich missratene Interview nicht gekommen wäre: „Das Totenschiff – Die Tragödien der Rohingyas“. Der Plural im Untertitel weist darauf hin, dass die realen Tragödien der Rohingyas von den Tragödien der virtuellen Berichterstattung über sie begleitet und gefördert werden. Letztere tragen dazu bei, erstere zu verstärken. Wo nur die Oberfläche der Konflikte in den Blick genommen wird wie die Spitze eines Eisbergs, und das auch noch im Namen der Moral, bleibt alles unsichtbar, was unter der Wasseroberfläche liegt. Wenn Aung San Suu Kyi das gemeint haben sollte, hat sie recht. Und auch das Verhalten der Journalisten hat eine tragische Seite, weil der Zwang zur Vereinfachung den Berichterstatter zu einem Getriebenen macht, der wie der Flüchtling keine Kontrolle über das Schiff hat, auf dem er sich befindet. Und diesen Kontrollverlust habe ich als freiwilliger Mitarbeiter unserer öffentlich-rechtlichen Medien in dieser Episode nicht zum ersten Mal selbst erlebt. Es gab in diesem Format keine Möglichkeit, meine Sicht der Dinge auch nur einigermaßen verständlich darzulegen. Deshalb ist jetzt erst einmal Schluss mit Interviews, habe ich beschlossen. Angesichts des Mangels an Anfragen ist das allerdings kein sonderlich eindrucksvoller Vorsatz.

 

Und was weitere Kapitel des geplanten Buches angeht: Warten wir es ab.

August 2017

Am 18. August bin ich durch einen Anruf vom Deutschlandfunk Kultur erinnert worden, dass am Tag darauf das 10jährige Jubiläum der "Safran Revolution" ansteht. Ob ich dazu ein kurzes Interview geben könne? Klar, sagte ich und plauderte mit dem die Sendung vorbereitenden Mitarbeiter darüber, warum das Ereignis meiner Ansicht "weder Safran noch Revolution" gewesen sei. Man war in Berlin offenbar auf den Titel meines gleichnamigen Buches gestoßen, aber natürlich ohne reingeschaut zu haben. Erst nach dem Gespräch fiel mir ein, dass ich mit dem Datum des 19. August 2007 kein konkretes Ereignis verband. Die Demonstrationen der Mönche hatten am 18. September 2007 begonnen. Ich schlug also in meinem Buch nach und stellte fest, dass an dem fraglichen Tag im August Mitglieder der 88er Studenten-Generation eine Wanderung durch Straßen Yangons gemacht hatten - ohne Spruchbänder, das Ausrufen von Slogans oder anderen Aufsehen erregenden Aktionen. Es war ein Marsch, der an die Folgen der radikalen Preiserhöhung für Flüssiggas erinnern sollte, der zu einer drastischen Erhöhung der mit diesem Kraftstoff betankten Busser der Stadt geführt hatte. Danach konnten sich viele arme Leute den Bustransport nicht mehr leisten und mussten zu Fuß gehen. Die Mönche kamen erst später ins Spiel.

Ich versuchte am nächsten Morgen den Sender zu erreichen, um das Gespräch vielleicht noch in andere Bahnen zu lenken. Das klappte nicht. Ich informierte in der Sendung die Hörer dann darüber, dass am 19.8. höchstens das Vorspiel zu den Mönchsprotesten begonnen hatten und beantwortete brav die Fragen, die der Redakteur auf seinem Zettel hatte und die allesamt nur auf die Rolle der Mönche damals und heute zielten. So ganz wohl fühlte ich mich dabei nicht. Ich hätte am Beispiel der "Alt-88er" lieber über die birmanische Zivilgesellschaft gesprochen. Aber immerhin ...

 

In der Abendsendung des Deutschlandfunks aus Köln gab es dann einen Beitrag, der meine Unzufriedenheit relativierte. Holger Senzel nahm das Ereignis von vor 10 Jahren zum Anlass für eine Übersicht über die "burmanesische" (!) Geschichte seit 2007, in der außer einigen Versatzstücken so gut wie gar nichts stimmte und außerdem eine Menge offensichtlicher fake news  enthalten war. Es wurde behauptet, dass auf Mönche gewschossen worden sei, von 1000en Toten war die Rede. In Wahrheit gibt es keine bestätigte Nachricht über den Tod eines einzigen Mönchs. Es war im Gegenteil so, dass die Mönche erst ins Spiel kamen, als eine fake news den Tod eines Robenträgers in einer Stadt Mittelbirmas vermeldete. Der UN Berichterstatter, der die Unruhen untersuchte, nannte die Zahl 31 getöteter Zivilisten - was schlimm genug ist. Der Beitrag reproduzierte nur altbekannte Klischees und machte klar, dass Holger Senzel von Myanmar keinerlei Ahnung hat, aber dabei darauf vertrauen konnte, dass einer uninformierten Hörerschaft das nicht auffiel. - Ein Beschwerdebrief an den Intendanten des DLF ist unterwegs.

 

Das alles erinnerte mich daran, dass ich mich nach der Berichterstattung von vor 10 Jahren zum ersten Mal richtig über den Unfug aufgeregt habe, den unsere Medien über Myanmar verbreiten und daraufhin meinen Ärger in einem längeren Text Ausdruck verliehen habe. Hier sind die Palmström-Variationen von damals. - Meine Recherchen zur Rekonstruktion der Ereignisse finden sich im Internet in englischer Sprache, getrennt nach Text und Dokumentation.

 

Hier ist der Brief an den Intendanten, den ich auch an das NDR-Medien-Magazin ZAPP geschickt habe sowie auf Anraten eines Mitarbeiters an NDR Info, die für den vom NDR nach Singapur entsandten Korrespndenten zuständig ist.

 

Herrn

 

Dr. Willi Steul
Raderberggürtel 40

 

50968 Köln

 

 

 

 

 

Betr. Vom Deutschlandfunk verbreitete fake news am 19.8.2017

 

 

 

Sehr geehrter Herr Dr. Steul,

 

tut mir leid, dass ich Sie kurz vor Beendigung Ihrer Amtszeit noch bitten muss, sich mit einer höchst unerfreulichen Angelegenheit zu befassen. Sie betreffen den vom Deutschlandfunk am Sonnabend, dem 19.8. in den Sendungen „Informationen am Morgen“ und „Informationen am Abend“ ausgestrahlten Beitrag von Holger Senzel, dem ARD Hörfunk-Korrespondenten in Singapur, über die Mönchsproteste, die vor 10 Jahren in Myanmar stattfanden und unter dem Namen „Safran Revolution“ bekannt geworden sind. Beide Sendungen sind als podcast noch bis Februar 2018 im Netz (http://www.podcast.de/episode/359147784/Myanmars+Safran-Revolution+-+Der+Weg+aus+der+Diktatur/ und http://www.podcast.de/episode/359192905/Die+Safran-Revolution+-+10+Jahre+Aufstand+Myanmar/).

 

Der Bericht strotzt vor unrichtigen Informationen und zeigt, dass die Kenntnisse des Autors über Myanmar nur rudimentär sind. Die Bewohner als „Burmanesen“ zu bezeichnen und den Landesteil Rakhine, in dem die Mehrheit der bedauernswerten Rohingyas leben, so auszusprechen wie er auf Deutsch geschrieben wird und nicht als „Rakain“, belegen dies Urteil, sind aber in der Sache nur nebensächliche Kleinigkeiten.

 

Ein Skandal ist, dass der Beitrag eindeutige fake news verbreitet. Er behauptet, dass die Welt von den Protesten gegen die Militärjunta erst Kenntnis genommen hätte als „Mönche unter Gewehrkugeln zusammenbrachen“ und dass es bei den „wochenlangen Protesten“ „Tausende von Toten“ gegeben habe. Tatsache ist, dass auf Mönche nicht geschossen wurde und dass nach dem Bericht des für Myanmar zuständigen UN-Beauftragten für Menschenrechte der Tod von 31 Zivilisten bestätigt werden konnte – was schlimm genug ist. Einer davon war übrigens ein japanischer Fotograf, der sich als Birmane verkleidet hatte.

 

Außerdem: Die Medien berichteten weltweit ab dem zweiten Tag der Demonstrationen von Mönchen, gegen die von der Regierung eine Woche lang nicht vorgegangen wurde. ARD und ZDF brachten die Bilder zeitweise an erster Stelle ihrer Abendnachrichten. Die am 18. September begonnenen Demonstrationen wurden dann nach einer Woche beendet, am 28. September hörten auch die daran anschließenden Proteste von Zivilisten auf.

 

Nach dem Einstieg mit Falschmeldungen folgt eine Darstellung der politischen Ereignisse in Myanmar, die mit dem Namen „Geschichtsklitterung“ noch freundlich beschrieben ist. Eine Korrektur allein der sachlichen Unrichtigkeiten und weggelassenen Fakten würde Seiten füllen.

 

Die über 10 Jahre andauernde Verbreitung von fake news über die „Revolution“ ist insofern besonders problematisch, weil es die Falschnachricht über den Tod eines Mönchs in einer mittelbirmanischen Stadt am 5.9.2007 war, die die Mönchsproteste erst auslösten. Die eigentliche „Safran Revolution“ begann ja erst am 18. September. Am 19. August gingen in Yangon zuerst einige Hundert Zivilisten auf die Straße.

 

Das alles und einiges mehr hätte Holger Senzel mit ein wenig Internet-Recherche herausfinden können. Ich habe die Ereignisse von 2007 dokumentiert und analysiert und die von der Humboldt-Universität Berlin herausgegebene Studie ist im Netz zu finden. - Die Redakteure von „Deutschlandradio Kultur“ sind zumindest auf den Titel meiner Dokumentation der Ereignisse gestoßen und haben mit mir am 19.8. dazu dankenswerterweise auch ein Interview geführt.

 

Schließlich bin ich auch darüber empört, dass es von meinen Rundfunkbeiträgen finanzierte Sender (der SWR hat den Beitrag auch gesendet) sind, die hier ein Beispiel von grottenschlechtem Journalismus abliefern – und das gleichzeitig mit einer Fernseh-Kampagne, die die Objektivität der Berichterstattung der ARD preist.

 

Ich erwarte, dass die oben genannten Podcasts sofort aus dem Netz genommen werden und halte es für angebracht, dass der DLF über die Ereignisse von 2007 noch einmal sachgerechter berichtet. Die eigentliche „Safran Revolution“ begann ja erst im September.

 

Für Rückfragen stehe ich gerne zur Verfügung.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

gez. Hans-Bernd Zöllner

 

 

 

Juli 2017

Vom 6.-8. Juli fand in Hamburg der G20-Gipfel statt. Ich beteiligte mich an einer der Demonstrationen, die weniger Schlagzeilen machten als die gewaltbereiten Aktivisten. Meine Haltung zu der Veranstaltung und ihren Begleiterscheinungen habe ich dann in einem Brief an den Ersten Bürgermeister unserer Stadt so formuliert:

 

Hamburg, den 8. Juni 2017

Betr.: G20

 

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

Gerade zurück von einer der friedlichen Demonstrationen des heutigen Tages möchte ich Ihnen einige Gedanken mitteilen, die sich in den letzten Tagen bei mir eingestellt haben.

Kurz zu meiner Person: Ich bin 74, pensionierter Pastor und war zuletzt 12 Jahre am Osdorfer Born tätig. Dort hatte ich auch einmal das Vergnügen, mit Ihnen zu plaudern. Außerdem beschäftige ich mich seit gut 20 Jahren wissenschaftlich mit einigen Aspekten der Globalisierung. Ich bin ein treuer rot-grüner Wähler, jedenfalls bisher.

Nun zu meinen Gedanken. Sie laufen darauf hinaus, dass meine bisherige Annahme, dass die von uns Bürgern mit ins Amt gewählten Politiker wie Frau Merkel und Sie, die maßgeblich dafür verantwortlich sind, dass der Gipfel in Hamburg stattfand, über ein gewisses Maß an common sense verfügten, durch die Ereignisse der letzten Tage stark erschüttert worden ist. Dafür gibt es im Wesentlichen drei Gründe:

  1. Es musste jedem Politiker klar sein, dass die Einladung des G20 Gipfels nach Hamburg – oder in eine andere europäische Stadt - sich gleichzeitig an Globalisierungsgegner richtete, die sich berufen fühlen, ihre Meinung zu diesem Phänomen vor Ort öffentlich kund zu tun. Die Einladung war also eine Provokation. Sie besagte – im Merkel-Deutsch gesagt: Wir schaffen das, also auch: Wir schaffen Euch. Von vornherein war auch klar, dass einige der Gegner die ihrer Ansicht nach weltweit ausgeübte strukturelle Gewalt mit Gegengewalt beantworten würden. Die Veranstalter wussten also, was auf Hamburg zukommt. Sie haben das jetzt beklagte Ergebnis billigend in Kauf genommen, wie es wohl in der Juristensprache heißt. Das war nicht sehr schlau und außerdem fahrlässig, zumal ja nicht die Organisatoren unter den Folgen zu leiden hatten, sondern betroffenen Bürger und Polizisten. Letztere jetzt als „Helden“ zu bezeichnen, erfordert m.E. schon ein hohes Maß an Chuzpe. Auf Grund meiner religiösen Sozialisation und meines Alters gehöre ich zu den auch von Ihnen geschätzten friedlichen Protestanten, sehe aber keinen Grund, mich von dem aggressiven Verhalten mancher Demonstranten zu distanzieren – solange unsere regierende politische Klasse nicht einräumt, ihren Beitrag zu den Gewaltausbrüchen geleistet zu haben. Zur Konfrontation gehören immer zwei – und ihre vollmundigen Beteuerungen, für die Sicherheit in Hamburg sei gesorgt, hat die „Profis“ auf der anderen Seite naturgemäß gereizt. Auch das hätten Sie wissen können.

  2. All das wäre aus meiner Sicht halbwegs in Ordnung, wenn das Format dieses Gipfels im Vergleich von Aufwand und Resultat Sinn machen würde. Dem ist eindeutig nicht so. Das Ergebnis dieses Gipfels ist ein Abschlussdokument, das nur deswegen als eine Art Erfolg verkauft werden kann, weil Gentleman Trump die taffe Kanzlerin nicht ganz blamieren wollte. Seit es diese Treffen auf der Ebene der Regierungschefs gibt, hat sich zudem die globale Situation teils dramatisch verschlechtert. Nur ein Beispiel: Es lässt sich zeigen, dass die westlichen Demokratien auf den „Arabischen Frühling“ völlig uninformiert und politisch falsch regiert haben. Die Folgen sind die katastrophalen Flüchtlingsbewegungen über Libyen und aus dem syrischen Bürgerkrieg. Zudem haben die Gegner dieses Formats schlicht und einfach recht, dass sich in Hamburg einmal wieder die Herr*innen der Welt in luxuriöser Umgebung trafen und die eigentlich Arbeit – mit Ausnahme der Gastgeberin – von ihren „Sherpas“ erledigen ließen. Dieses Wort aus dem gipfelreichen Nepal ist eine treffende Metapher für das Treffen: Dienstbare Geister sorgten dafür, auf dem Papier die Probleme zu bemänteln, die in der Realität von den Chef*innen verursacht wurden. Nun ist das wohl das Wesen heutiger Politik. Aber jeder Mensch mit common sense - zumal ein nicht nur weltoffener, sondern auch kostenbewusster Hanseat - hätte sich eine solche wenig charmante und zudem teure Veranstaltung vom Halse halten sollen. (Nebenbei: Das nette Treffen zwischen Trump und Putin hätte auch mit weniger Aufwand hier oder woanders stattfinden können.) Immerhin: Wir haben hier in Hamburg nun ein klitzekleines Stück von der Anarchie vor Augen geführt bekommen, die Menschen in weiten Teilen der Welt täglich erleben. Schließlich. Wenn die Welt zum Besseren verändert werden soll, müssen sich auch die Veränderer bewegen statt eherne Prinzipien auf Kosten anderer vor sich her zu tragen. Ein Nachdenken über die Rituale ihrer Treffen wäre dazu ein erster kleiner Schritt.

  3. Auf diesem Hintergrund hat Herr Lux mit seiner Kritik am Konzert in der Elbphilharmonie den Nagel auf den Kopf getroffen. Sie war ein „obszöner, ja pornografischer Missbrauch von Kunst“. Der ganze Gipfel war eine arrogante Verhöhnung der notleidenden Menschen und eine zynische Inszenierung von „Demokratie“ durch Politiker, die ihre Prinzipien mit Gewalt durchpauken. Das zeigte sich auch in Ihrem Versuch, die Demonstranten, die sich wie ich heute aufgemacht haben, um friedlich gegen den Gipfel zu protestieren, zu vereinnahmen. Ich empfinde es – sorry – als Verarschung, wenn ich durch meine Teilnahme an den Kundgebungen als „willkommene Helfer“ des Demokratieprojektes à la Merkel und Scholz/Schulz willkommen geheißen werde.

 

Kurz: Guter Wille, den ich weder Ihnen noch allen anderen an diesem großen Event Beteiligten abspreche, genügt nicht. Es ist nötig, gründlicher umzudenken und umzukehren, und zwar auf allen Seiten. Das ist nebenbei der Kern der Botschaft Jesu.

Mein praktisch-politisches Fazit: Wenn nichts dazwischenkommt, werde ich bei der kommenden Wahl meine Stimmen so verteilen: Die Erststimme bekommt der Kandidat Ihrer Partei in meinem Wahlbezirk. Er und vor allem die alte Dame SPD haben weiter meine Sympathie .Die Zweitstimme geht an die Linken, was ich allerdings eher als einen Akt der Verzweiflung empfinde. - Und es versteht sich, dass ich auf dies Schreiben keine Antwort von einem Ihrer Sherpas erwarte.

Mit freundlichen Grüßen und allen guten Wünschen

gez.: Hans-Bernd Zöllner

Nachtrag:
Was haben die Veranstaltungen in Hamburg und die Erwägungen in Berlin über die Kachin in Myanmar gemeinsam, außer dass sie "irgendwie global" sind? Sie fordern dazu auf, das Verhältnis zur Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung neu zu definieren. Das wird nicht einfach.

Juni 2017

Jesus als Hüter der Kachin-Flagge
Jesus als Hüter der Kachin-Flagge

Anfang Juni fand in Berlin wieder ein vom Evangelischen Missionswerk veranstalteter Workshop zu Myanmar statt, bei dem am ersten Tag die Lage im Kachin-Staat auf dem Programm stand. Dabei stand die Rolle der christlichen Religion als Begründung für den Freiheitskampf der Kachin im Mittelpunkt. Der estnische Anthropologe Laur Kiik hielt einen Vortrag über seine Forschungen zum Thema. Ich habe versucht zu erklären, welche neue Form einer "kontextuellen Theologie" sich seit einiger Zeit in Myanmar entwickelt. Eine erweiterte Fassung des Vortrags findet sich hier.

Januar 2017

Zum Jahrfesanfang war ich wieder in Myanmar. Der Schwerpunkt lag auf weiteren Recherchen zu den der Bundesrepublik geförderten Berufsschulprojekt in Sinde 300 km nördlich von Yangon, am Ayeyawadi gegenüber von Pyay gelegen), das auf das Jahr 1970 zurückgeht, 1979 eröffnet wurde und nach der Unterbrechung deutscher Entwicklungszusammenarbeit mit Myanmar zwischen 1988 und 2012 jetzt wieder von der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) gefördert wird. Die SAchule ist in mehrfacher Hinsicht interessant, u.a. deshalb, weil hier eine Alumni Organisation besteht, die regelmäßig treffen organisiert und die Jubiläen der Schule in großem Stil feiert. Die folgende Bilderserie beginnt mit einigen Bildern vom 35jährigen Jubiläum, an dem an die 2000 Leute teilnahmen, zeigt dann, was beim Jahrestreffen 2017 in Yangon los war und gibt schließlich einen Einblick in die Schule und ihre Umgebung.

Die Schule bildet junge Leute in acht verschiedenen Berufen aus - u.a. Kraftfahrzeugmechaniker_innen, Werkzeugmacher_innen und technische Zeichner_innen. Ursprünglich gab es eine dreijährige Ausbildung nach deutschen Vorbild. Im Laufe der Jahre wurde sie auf ein Jahr reduziert, soll jetzt aber wieder auf zwei Jahre erweitert werden.

Die Alumni-Organisation dient im Kern dazu, den Familien der Mitglieder in Krankheitsfällen zu helfen. 2015 wurde aber auch Geld für das Dorf Sine gesammelt, das von der großen Flut betroffen war und im Januar übergab der Schatzmeister dem Abt des benachbarten Klosters 50 Lakh (als 50mal 100.000) Kyat für einen neuen Brunnen, der dem Kloster und auch den benachbarten Bewohnern zugute kommt.

August/September 2016

Am 31. August begann 4tägige die "Panglong Konferenz des 21. Jahrhunderts" in Naypyidaw. Sie war nach dem Ort benannt, an dem Aung San im Februar 1947 ein Abkommen mit den Vertretern drei ethnischer Gruppen - der Schan, Kachin und Chin - geschlossen hatte. Damit wurde die Grundlage für einen gemeinsam Weg von ethnischen Birmanen und Nicht-Birmanen in die Unabhängigkeit gelegt. Seitdem wird der "Geist von Panglong" beschworen, der nach Meinung zahlreicher ethnischer Gruppen von den Nachfolgern des wenige Monate nach Abschluss der Konferenz ermordeten Unabhängigkeithelden verraten worden sei. Mit der Anknüpfung an ihren Vater hat Aung San Suu Kyi einen ersten Schritt zur Erfüllung eines ihrer Wahlversprechen getan: eine neue und dauerhafte Versöhnung zwischen den verschidenen Ethnien des Landes herzustellen.

An der Konferenz nahmen über 1000 Vertreter fast aller politischen und ethnischen Gruppierungen des Landes teil, darunter auch der meisten bewaffneten Gruppierungen, die bisher noch keinen Waffenstillstand mit der Regierung abgeschlossen haben.

Auf der Konferenz wurden eine Menge Reden gehalten. Beschlüsse wurden nicht gefasst. Als größter Erfolg galt die Tatsache, dass eine Fortsetzung der Tagung vereinbart wurde.

März 2016

Nach der gewonnenen Wahl traf Aung San Suu Kyi die notwendigen Personalentscheidungen. Zum Präsidenten bestimmte sie den 68jährigen Htin Kyaw, Sohn eines prominenten Dichters, der sich 1990 als Kandidat für die Partei zur Verfügung gestellt hatte. Der neue Präsident war bei der letzten Wahl kein Kandidat. Er war von der von der NLD dominierten "Volkskammer" vorgeschlagen worden und erhielt bei der Abstimmung der beiden Häuser des Unionsparlamentes die meisten Stimmen. Die von der ebenfalls von der NLD dominierte Nationalitätenkammer nominierte einen Abgeordneten aus der Ethnie der Chin. Er erhielt bei der Wahl die geringste Anzahl an Stimmen und ist nun Vizepräsident wie auch der von der Militärfraktion nominierte Ex-Milität Myint Swe, der als korrupter Hardliner gilt und bisher Chief Minister Yangons war.

Im neuen Kabinett übernahm Aung San Suu Kyi anfangs gleich vier Posten: Das Außen-, Erziehungs- und Energieministerin sowie das Amt des Ministers im Präsidentenbüro. Zwei Zuständigkeiten - für Erziehung und Energie - gab sie wieder aber, übernahm dann aber ein auf sie zugeschnittened neues Amt, das eines Sate Counseor, das ihr Rechte einräumt wie sie einem Ministerpräsidenten zustehen. Dies Amt ist in der Verfassung allerdings nicht vorgesehen. Damit wird sie ihrem im Vorfeld der Wahlen erhobenen Anspruch gerecht, "über dem Präsidenten" zu stehen. Das neue Kabinett, in dem laut Verfassung auch drei Militärs wichtige Posten innehaben, ist ein Kompromiss zwischen den unterschiedlichen Konzepten von Demokratie, die in Myanmar gegenwärtig miteinander verwoben sind. Näheres dazu findet sich in einem Aufsatz von mir, der in den Schweizer "Asienstudien" erschienen ist.

Februar 2016 - Zwei kleine Königreiche im Kayin-Staat

Die Reise von Myawady zur Hauptstadt des Kayin-Staated Hpa-an führte über den neu gebauten Asian Highway und an zwei Orten vorbei, an denen religiöse Führer ein kleines Reich aufgabaut haben bzw. hatten. Der erste heißt Phu Taki, hat eine Gemeinde von etwa 4-5000 Kayin um sich versammelt und scheint ein absoluter Ekzentriker zu sein. In Yangon macht man auf Facebook Witze über ihn. Er gilt als so heilig, dass die Erde brennen würde, wenn er sie mit seinen Füßen berühren würde. Darum fährt er auf seinem Gelände in kleinen Wagen, die von Ziegen und Hirschen gezogen werden. Es gibt aber auch Autos für Überlandfahrten. Der kurze Besuch erbrachte eine Reihe bizarrer Bilder.

Einige Kilometer weiter liegt der Thamanya-Hügel an der Straße. Hier lebte bis 2003 ein Mönch, der im ganzen Land verehrte und dem auch Aung San Suu Kyi zwei Mal ihre Aufwartung machte, nachdem sie aus dem Hausarrest entlassen worden war. Der Mönch hatte einige Jahre auf dem Berg meditiert und dann b dann eine Gefolgschaft aus unterschiedlichen Ethnien um sich gesammelt. Nachdem sich sein Ruf landesweit verbreitet hatte, kamen zahlreiche Pilger, die versorgt werden mussten. So entstand eine kleine Stadt, die von dieser Art des Tourismus lebte. Zu den Regeln, die der Mönch erlassen hatte, gehörte, dass nur vegetarisch gegessen werden durfte. Außerdem lebten die Menschen in diesem kleinen Reich, das den Rang eines vom Staat anerkannten steuerfreien religiösen Ortes hatte, friedlich miteinander. Im Jahr 2003 verstarb der Thamya Sayadaw. Bei meinem Besuch war der Hügel nur sehr spärlich besucht - man wurde aber immer noch zum Essen der vegetarischen Kosten eingeladen.

Der Bedeutungsrückgang des Hügels nach dem Tode des Mönchs ist von politischer Bedeutung. Es zeigt, dass in Myanmar die großen Werke einzelner Personen an ihre Lebenszeit gebunden sind. Aung San Suu Kyi hatte das kleine Reich um den Hügel als Modell für ein friedliches und korruptionsfreies Birma gepriesen. Nach dem Tode des Mönchs aber stritten seine Anhänger um sein Erbe. Ähnliches könnte geschehen, wenn Aung San Suu Kyi von der politischen Bühne abtritt.

Myanmar lässt sich als ein Land der immer wiederkehrenden Teufelskreise beschreiben, die von der Hoffnung auf rettende Engel angetrieben werden. Das jedenfalls ist das Fazit meiner letzten Reise.

Januar 2016

Ende Januar begann eine nächste Reise nach Myanmar. Dabei bin ich zum ersten Mal auf dem Landweg eingereist, und zwar über die "Freundschaftsbrücke", die Mae Sot mit Myawadi verbindet. In Mae Sot besuchte ich die Mae Tao Klinik, die nach 1988 von Cynthia Maung - das Bild zeigt ein anlässlich ihres 56. Geburtstages erstelltes Plakat - aufgebaut wurde. Hier werden kostenlos kranke Birmanen behandelt. Gleichzeit ist hier ein Zentrum der birmanischen Demokratiebewegung. Es wird versucht, ein einheitliches Gesundheits- und Bildungssystem der ethnischen Oppositionen zu erarbeiten , das später als Modell für ein neue staatliche Richtlinien dienen soll. Eijn Neubau der Klinik ist in Vorbereitung. Es gibt also auch nach dem Wahlsieg Aung San Suu Kyis keinen Plan,die Arbeit nach Myanmar verlagern.

Die Wahlen

Ende November sind die Auswirkungen noch nicht klar. Auf Grund der Verfassung wird die siegreiche NLD zwei Kandidaten für das Präsidentenamt vorschlagen können, ein dritter wird von den Abgeordneten des Militärs nominiert. Dann gibt es in einer gemeinsamen Sitzung beider Häuser des Parlamentes eine Abstimmung. Der Gewinner wird Präsident, die beiden Unterlegenen Vize-Präsidenten. Da Aung San Suu Kyi auf Grund einer Verfassungsklausel selbst nicht Präsidentin werden kann, ist die Frage, wer von ihr als Kandidat nominiert werden wird. Sie selbst hat schon vor den Wahlen mitgeteilt, dass sie im Falle eines Wahlsieges "über dem Präsidenten" stehen wird.

2. Dezember

An diesem Tag gibt es um 19.30 in der Werkstatt3 in Hamburg-Altona (Nernstweg 32) eine Diskussion über die Zukunft Myanmars zwischen Andreas Lorenz und mir, also den beiden Autoren einer Biographie über Aung San Suu Kyi. Näheres hier.

Ausgangspunkt der Diskussion wird der grandiose Wahlsieg von Aung San Suu Kyis Partei, der National League for Democracy sein.Er wurde von meinem Ko-Autor, der die Wahl vor Ort beobachtet hat, einen Tag nach der Wahl in einem Bericht von sat3 prognostiziert.

Was bedeutet er für die Zukunft des Landes?

Meine Antwort auf diese Frage ist zwiespältig. Das Ergebnis bestätigt meine Theorien über das Wahlverhalten der Bevölkerung des Landes, durch das eine moralisch qualifizierte Person ins Amt gewählt wird, zu der es gegenwärtig weder eine Alternative noch eine Opposition gibt. Damit ergibt sich die Frage, was passiert, wenn diese Person nicht mehr da ist. Die Friedensnobelpreisträgerin wird ja nicht ewig leben.

Juli 2015

Anfang des Monats hat die Wahlkommission bekannt gegeben, dass die nächsten Wahlen am 8. November 2015 stattfinden werden. Kurz darauf teilte Aung San Suu Kyi mit, dass ihre Partei bei den Wahlen teilnehmen werde.

Das neue Buch wird am 20. Juli in den Buchhandel gehen. Wer ein signiertes Exemplar haben möchte, kann es bei mir für 18 Euro (inkl. Porto und Verpackung) bestellen. Der Ladenpreis beträgt € 19,90.

Juni 2015

Aus Anlass des 70. Geburtstag unserer Heldin habe ich der Deutschen Welle ein Interview gegeben.Es dauert noch ein bisschen, bis das Buch herauskommt.

Wer a aber schon mal  hineinschnuppern will, kann  hier das erste Kapitel in einer vorläufigen Fassung lesen.

Mai 2015

Die Flucht von Muslimen aus der Grenzregion zwischen Myanmar und Bangladesh macht Schlagzeilen und wird mit den Flüchtlingsströmen über das Mittelmeer verglichen. Es gibt aber erhebliche Unterschiede:

a) Das traurige Schicksal der Rohingya ist ein Spätprodukt der Kolonialzeit, in der zwischen dem überwiegend muslimischen Bengalen und dem buddhistischen Rakhine/Birma eine Grenze geschaffen wurde, die durch die Kolonialmacht für Migranten aus dem überbevölkerten Bengalen durchlässig gemacht wurde, heute aber starr ist. Im Mittelmeer sind die Probleme überwiegend durch die westlichen Staaten mitversucht worden, die geholfen haben, repressive aber relativ stabile politische Systeme im arabischen Raum zu destabilisieren (s. mein Büchlein “Fetisch Demokratie. Der Arabische Frühling von außen betrachtet”).

b) In den ASEAN-Ländern gibt es keine dem deutschen Recht auf Asyl vergleichbare Verfahren – zudem kommen die meisten Flüchtlinge, die nach Thailand, Malaysia und Indonesien unterwegs sind, aus dem Mitgliedsland Myanmar. Das ist also so, als würden Spanier nach Dänemark flüchten. Daher weigern sich Thailand, Malaysia und Indonesien auch, die Flüchtlinge aufzunehmen und schicken die Boote wieder zurück.

April 2015

Es ist nicht so, dass seit dem letzten Eintrag nichts passiert wäre, ich hatte nur keine Zeit, es hier einzutragen. Das lag im Wesentlichen daran, dass ich mit Hochdruck an einem neuen Buch gearbeitet habe, dass noch vor dem 70. Geburtstag von Aug San Suu Kyi (19.6.2015) herauskommen soll. "Die Tochter" habe ich zusammen mit Rodion Ebbighausen, einem bei der Deutschen Welle arbeitenden Journalisten geschrieben. Wir warten Ende April darauf, dass das Buch fertig gesetzt ist, damit wir uns an den Index machen können. - Im März erschien schon eine andere Biographie der "Lady" (Andreas Lorenz, Aung San Suu Kyi. Ein Leben für die Freiheit, Beck). Wir sind neugierig darauf, was Rezensenten sagen, die beide Bücher gelesen haben!

Ich war im Januar und Februar zuletzt in Myanmar. Ein wesentlicher Zweck der Reise war es, letzte Recherchen für das neue Buch durchzuführen und interessante Bilder zu bekommen. Es traf sich gut, dass der 100. Geburtstag des Vaters gerade bevorstand (13. Februar 2015). Da gab es auf der Straße, in seinem Geburtshaus in Natmauk und in Galerien viele Bilder zu sehen (Das nebenstahende Bild zeigt ein Gemälde seines Geburtshauses mit einem Familienbild, das nach einer Fotografie eingefügt wurde).

Es folgt ene kleine Bildergalerie: Die Klosterschule in Natmauk, die Aung San besuchte - Bei deiner Flucht nach China als Chinese verkleidet - als Kendo-Kämpfer in Japan (Gemälde) - Bei Verhandlungen in Japan.

Die folgenden Bilder zeigen Aung San nach dem Ende des Krieges:

Von links nach rechts: Januar 1947 in London (ganz rechts: sein späterer Mörder U Saw) - Familienbild - Mit Kachin-Frauen im November 1946 - In Wartestellung - auf einem Plakat in Pyapn (Irrawaddy-Delta)

Und nach so vielen alten und grauen Männerbilderndes Vaters nun noch einige farbige von der Tochter mit einer ihrer besten Freundinnen.

Ach ja - beide möchten gerne Präsidentinnen werden. Ob sie sich deshalb so gut verstehen?

September 2014

Am 18. September wurde in München im frisch umbenannten Museum fünf Kontinente, dem ältesten Völkerkundemuseum Deutschlands, eine Ausstellung zu Myanmar eröffnet, die bis zum 3. Mai geöffnet sein wird. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen Stücke, die ein früherer Direktor des Museums, Lucian Schermann, von einer Reise nach Birma im Jahr 1911 mitgebracht hat.

Kurz darauf wurde in Stuttgart eine weitere Ausstellung zu Myanmar eröffnet, die vom Umfang her sehr viel umfangreicher ist und von einem üppigen Begleitprogramm - einschließlich eines wissenschaftlichen Symposiums - begleitet war. Ich habe da einen Vortrag zur buddhistischen Hermeneutik im Theravada-Buddhismus gehalten. Er läuft darauf hinaus, dass Politik in Myanmar wie in den anderen vier tharavada-buddhistischen Ländern unberechenbar bleiben wird, solange es keinestrikte Trennung von Religion und Politik oder die Tradition einer rational begründeten Auslegung der heiligen buddhistischen Schriften gibt.

Am 3. und 4. September besuchte Präsident Thein Sein im Rahmen einer Europareise Deutschland. Er traf in Berlin u.a. Angela Merkel und Joachim Gauck. Gleichzeitig wurde im Auswärtigen Amt eine Ausstellung zum 60. Jubiläum der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Birma eröffnet, an der der Präsident aus protollarischen Gründen, wie es hieß, nicht teilnahm. Die Ausstellung war bis zum 9. Oktober im Lichthof des Amtes zu sehen.

August 2014

In der August-Ausgabe von südostasien, der Quartalsschrift der Südostasien-Informationsstelle, zu Thema Religion und Politik ist ein Artikel von mir zur Geschichte der Kyauk-taw-gyi Pagode in Insein abgesdruckt, der interessante Aufschlüsse über das Verhältnis von Buddhism und Staat im gegenwärtigen Myanmar sowie über die Nachwirkungen von Veränderungen innerhalb der Junta in ihrer öffentlichen Darstellung enthält. Hier ist ein erster Entwurf des Artikels zu lesen.

Jetzt ist auch auch die deutsche Ausgabe des Buches mit den Reden Aung San Suu Kyis aus den Jahren 1995 und 1996 erschienen. Im unterschied zu der in Myanmar herausgegebenen zweisprachigen Ausgabe enthält es auch nocvh die in englischer Sprache zugänglichen Reden, die sie nach dem Ende der überlieferten Transkripte im April 1996 bis zu hrer Freilassung i November 2010 gehalten hat.

Auch diese Ausgabe dient dazu, den an der Politik Myanmars Interessierten im Blick auf die Wahlen von 2015 einen Einblick in die politische Philosophie der Vorsitzenden der NLD und des Verhältnisses zu ihren Mitgliedern zu geben. So inden sich etwa auf S. 50 einige höchst interessante Bemerkungen zum Thema politischer Pluralismus und zur Notwendigkeit eines Mehrparteinsystems.

Juni 2014

Brennende Moschee in Meikthila im April 2013
Brennende Moschee in Meikthila im April 2013

Am 5. Juni gab es in der Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin eine Veranstaltung des RememBrance Forum (RBF) zu den ant-muslimischen Tendenzen in Myanmar. Ich war eingeladen, ein Statement abzugeben. Außer mir sprach noch Dr. Khin Zaw Win, ein ehemaliger politischer Häftling und sozialer Aktivist aus Myanmar. Ich hatte ihn schon in Yangon getroffen und wir hatten uns abgesprochen, dass ich etwas über die generellen Haltung von Buddhisten in Myanmar den Muslimen gegenüber sagen würde, während er zum den Konflikt um die Rohingyas im Rakhine-Staat Stellung nehmen würde. Meine These: Es gbt im buddhistischen Myanmar einen "schlafenden Rassismus" gegen Muslime, der sich mit den anti-jüdischen Ressentiments in Deutschland im vorigen Jahrhundert vergleichen lässt.

April/Mai 2014

Der Umschlag des Buches
Der Umschlag des Buches

Im Mai war ich fast drei Wochen in Myanmar. Anlass der Reise war die Fortsetzung des Versuches, die Kontakte zwischen der Südostasien-Abteilung der Uni Bonn und Unversitäten in Myanmar weiter voranzutreiben. Es zeigte sich, dass das weiter mühselig ist und viel Geduld erfordert. Außerdem konnte ich das von mir herausgegebene Buch mit den Reden Aung San Suu Kyis in Birmanisch und einer englischen Übersetzung, die sie 1995 und 1996 über das Tor ihres Hauses in der University Avenue gehalten hat in Empfang nehmen und an Freunde verteilen. Ich hoffe auf eine baldige zweite Auflage, in der einige Schwachstellen der jetzigen Ausgabe verbessert werden können.

In Hamburg wird in Kürze eine englische Ausgabe erscheinen, in der neben den übersetzten Reden auch noch ein Anhang enthalten ist, der über das Auskunft ibt, was sie nach dem April 1996 gesagt hat. Zu diesem Zeitpunkt enden die Transkriptionen ihrer Reden, die in Japan veröffentlicht wurden.

Beide Bücher dienen u.a. dazu, einen Vergleich zwischen Suu Kyis Äußerungen vor 20 Jahren und heute im Vorfeld der Wahlen von 2015 zu ermöglichen. Die myanmarische Ausgabe kann überdies zu Sprachstudiem verwendet werden.

 

Egon Bahr, Suu Kyi und Sigmar Gabriel
Egon Bahr, Suu Kyi und Sigmar Gabriel

Vom 10.-14. April besuchte Aung San Suu Kyi Deutschland. Anlass war die Verleihung des mit 25.000 € dotierten Internationalen Willy-Brandt-Preises, die am 1.. April in Berlin stattfand. Außerdem traf sie am ersten Tag ihres Besuches Bundespräsident Gauck und Bundeskanzlerin Merkel und nahm an einer Sitzung des Bundestags teil. Am Sonntag traf sie sich mit Landsleuten.

Hier sind einige meiner Eindrücke von dem Event.

 Am 30.3. wird in Myanmar mit Unterstützung einer Unterorganisation der Vereinten Nationen eine Volkszählung beginnen, die bis zum 10. April dauern soll. Die letzte war von der Militärjunta im Jahr 1983 veranstaltet worden. Ihre Ergebnisse wurden von den Gegenern der Junta bezweifelt. Auch die jetzt angesetzte Erhebung steht in der Kritik.

 

Mein neues Buch ist auf dem Markt: "Fetisch Demokratie. Der Arabische Frühling, von außen betrachtet". Es enthält eine Kurzfassung meiner Unetrsuchung des Transitiosnprozesses in Myanmar, ein Blick auf die großen Demokratiethemen - und beginnt mit einem Rückblick auf die "Orangene Revolution" in der Ukraine und einigen Bemerkungen zu den jüngsten Entwicklungen im Land.

Moral: Demokratie in außereuropäischen Ländern ist überweigend ein irrationales und oft quai-religiöses Motiv im Auge des Betrachters.

Ich habe das Büchlein als Beitrag zur aktuellen Diskussion über deutsche Außenpolitik an verschiedene Politiker, Journalisten und Wissenschaftler geschickt und warte auf Resonanz. Als erstes hat das Büro des Bundespräsidenten geantwortet, wie zu erwarten eher nichtssagend.

Februar 2014

Vom 9.-12. Februar besuchte Bundespräsident Gauck Myanmar. Dabei traf er in Naypyidaw, der Hauptstadt, am 10.2. den Präsidenten Thein Sein und danach Aung San Suu Kyi (siehe Bild; Quelle: STERN). Dieses Treffen zweier ehemaliger Dissidenten war so etwas wie der emotionale Höhepunkt einer Reise, die ansonsten mehr von Symbolik als von Substanz geprägt war. In seinen Reden zeigte sich der Präsident von der Aufbruchsstimmung im Lande beeindruckt. Er versprach deutsche Unterstützung bei der Umsetzung des Aufbruchs zur Demokratie und mahnte zusammen mit Aung San Suu Kyi eine Fortsetzung der Reformen an..

Im Beisein des deutschen Bundespräsidenten wurde in Naypyidaw ein Abkommen zwischen den beiden Ländern unterzeichnet, mit dem Deutschland seine Schulden erlässt. Die stammen aus der Zeit vor 1988, als Deutschland nach Japan der zweitwichtigste Handelspartner Birmas war und im Lande zahlreiche Entwicklungsprojekte förderte. Nach dem von einem Mlitärputsch beendeten Volksaufstand gegen das von beiden deutschen Staaten hofierte und unterstützte Regime begann ein langer Dornröschenschlaf in den Beziehungen, der kurz nach dem ersten Besuch eines bundesdeutschen Präsidenten in Birma im Jahr 1986 und em Gegenbesuch seines birmanischen Kollegen ein Jahr später begonnen hatte. Der jetzige Besuch soll das Ende dieser Periode bezeichnen und einen Neuanfang einläuten.

Am 11. Februar eröffnete der Präsident, der aus Indien kommend von zahlreichen Wirtschaftsvertretern begleitet war, dazu ein kleiner Büro der deutschen Handelskammern in Yangon und eröffnete formell das Goethe-Institut in einem  alten Gebäude, das erst noch gründlich saniert werden muss. Während die Eröffnung des Büros der deutschen Wirtschaft mit der Schließung des Büros des Ostasiatischen Vereins zusammenfielt, bedeutete die Eröffnung des Goethe-Instituts einen Akt der deutschen Wiedervereinigung auf dem Boden Myanmars. In den 60er Jahren hatte es dort schon einmal für kurze Zeit ein solches Institut gegeben, das dann aber von der von der Bundesrepublik wirtschaftlich unterstützten sozialistischen Regierung geschlossen wurde. Deutsche Sprachkurse gab es aber weiter. Sie wurden in der Botschaft der DDR durchgeführt. Die deutschen Sprachlehrerinnen lernten gleichzeitig Birmanisch und unterichteten diese Sprache nach ihrer Rückkehr an Universitäten der DDR. Nach der Wiedervereinigung wurde die letzte der dafür eingerichteteten Stellen "abgewickelt".

Dies kann als ein Zeichen dafür gewertet werden, dass die deutsche Hilfe für den Neuaufbau Myanmars auf tönernen Füßen steht. Es fehlt hier an dem nötigen Wissen über die Bedingungen, unter denen der Neuanfang erfolgt. Gleichzeitig ist der Fehlschlag der deutschen Birma-Politik vor 1988 nie aufgearbetet worden. Die Fehler von damals könnten also wiederholt werden.